2 - Renaissance und Humanismus (1500-1600)

Vorhang auf für: Renaissance und Humanismus!

1500 bis 1600? Das sind verdächtig glatte Zahlen.

Stimmt. Diese Jahresangaben sind symbolisch und man darf sie nicht allzu ernst nehmen. Sie resultieren aus einer Eingrenzung von links und rechts auf dem Zeitstrahl: Die Renaissance folgt auf das Mittelalter und liegt vor dem Barock. Und der hält ab etwa 1600 seinen Einzug.

(Man sieht schon: Wir sind hier nicht bei den Historikern. Wir können nicht mit exakten gesicherten Daten arbeiten. Das alles sind Betrachtungen in die Vergangenheit hinein. Ein Beispiel dafür ist der Begriff „Mittelalter“. Wir nennen das Zeitalter „Mittel“ weil zwischen Antike und Neuzeit verortet. Der aus unserer Sicht mittelalterliche Mensch sah sich aber sowas von als NEUzeitlicher Mensch! Wir arbeiten mit Kategorien, die man freundlich formuliert als „ungefähr“ bezeichnen könnte. Schärfere Zungen könnten behaupten, dass wir mit schwammigen Kategorien unterwegs sind.)

So viel zu den glatten Zahlen.

Jetzt zu den Inhalten:

„Renaissance und Humanismus“ heißt nicht: Erst Renaissance, dann Humanismus. Es meint: Renaissance und Humanismus gleichzeitig.

Der Reihe nach: Die Renaissance ist die Zeit, in der die antike Kultur zitiert bzw. wiedergeboren wird, denn das bedeutet der französische Begriff „renaissance“: Wiedergeburt. Und der soll wiederum auf das italienische „rinascita“ oder „rinascimento“ zurückgehen. Der Begriff kommt also aus dem Bereich der Romania. – Und wenn der Name einer Sache in einer bestimmten Region entsteht, dann ist das oft ein Indiz dafür, dass auch die Sache selbst aus dieser Region kommt.

So ist es auch bei der Renaissance: Sie hat sich von Italien aus in die Länder nördlich der Alpen ausgebreitet.

Wie der Begriff „Mittelalter“ ist auch der Begriff „Renaissance“ erst in der Rückschau entstanden: Im 19. Jahrhundert begann man, die Epoche der Renaissance als solche zu identifizieren und zu bezeichnen. In der Zeit selbst, also im 16. Jahrhundert, benutzten die Menschen den Begriff „reformatio“.

Wie nun sah die Wiedergeburt der antiken Kultur praktisch aus? Strumpfhose, Laute und Minnesang beiseite gelegt, stattdessen Toga und Caligae angelegt? Was heißt das überhaupt, dass die antike Kultur wieder auflebte? Was ist gemeint, die römische oder die griechische Antike? Und was ist mit diesem Humanismus?

Also: Die Renaissance folgt auf eine lange Zeit, in der Gesellschaft, Wissenschaft und Kultur, das gesamte Weltbild, viele Jahrhunderte lang von der Religion geprägt waren. Die Menschen hatten das Gefühl, in kleinen Schuhkartons aufgezogen und kultiviert worden zu sein und wollten raus! Jenseits der Enge muss doch noch mehr sein!, dachten sie. (Es wird sich zeigen, dass das Quatsch ist, aber so weit sind wir noch nicht.) Und die Menschen begannen auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen (Literatur, Architektur, Malerei, Musik, Goldschmiedekunst, Wissenschaft...) gegen die Überherrschaft der Religion und die Macht des Klerus anzustinken. Bzw. Gott und Prieser wurden kritisch hinterfragt.

Außerdem vergrößern im 16. Jahrhundert die Entdecker und ihre Erforschungen den Horizont. Die Menschen interessieren sich jetzt für Naturwissenschaften und für die Gebiete hinter dem Meer, hinter den Bergen, hinter der Wüste.

Und nachdem der osmanische Sultan Mehmed II 1453 mit einem großen osmanischen Heer Konstantinopel eingenommen hatte und die Verteidiger der Stadt unter dem byzantinischen Kaiser Konstantin XI. dabei schlicht überwältigte, flohen viele Gelehrte nach Italien und sorgten dafür, dass vergessene antike römische und griechische Texte wieder ausgegraben und studiert wurden. Die antike Philosophie, Kunst und Literatur wurden idealisiert. (Früher war alles besser. Oder wie man in Köln sagt: Nää, wat wor dat fröher schön!)

Nicht mehr frommes Auf-den-Knien-herumrutschen und demütiges Gottvertrauen sind angesagt, sondern der Verstand wird zum Instrument der Stunde! Die Renaissance wird zur Zeit der Kunst, der Entdeckungen und der Wissenschaften. Und da jetzt nicht mehr alles durch Gott bestimmt ist, darf der Mensch über sich selbst nachdenken. Und er entdeckt den Humanismus.

Humanismus meint hier nicht etwas Flauschiges, bei dem es um Menschlichkeit, Menschenwürde und Toleranz geht. Auch, aber erst später. Das Flauschige ist der Begriff des Humanismus aus dem 19. Jahrhundert. Da sind wir aber noch lange nicht. Der Renaissance-Humanismus schubst Gott vom Sockel und stellt den Menschen selbst ins Zentrum: Der Mensch steht im Mittelpunkt. Punkt. Der Mensch wird zum Maß aller Dinge. Der Mensch sucht nach Jahrhunderten der religiösen Zwangsverdunkelung die geistige Erleuchtung. Als Luther 1517 in Wittenberg Hammer und Nägel zückt, um die Kirche zu reformieren, ist der gesellschaftliche und kulturelle Reformationsprozess schon in Schwung.

Was die literarische Kultur angeht, so gibt es in der Renaissance einen Aufschwung an lyrischen und dramatischen Texten. Jetzt wird sogar in der Volkssprache gedichtet, auf Deutsch statt auf Latein oder Griechisch. Die Volkssprache wird in der Renaissance-Literatur weiterentwickelt. Hier liegt ein Grundstein der modernen deutschen Schriftsprache.

Die Renaissance bringt mehr Literatur, einfach zugängliche Literatur (da nicht mehr auf Latein), hinzu kommt der Buchdruck, kommt das Papier, kommt die zunehmende Alphabetisierung der Bevölkerung. Das Ding explodiert. Erste humanistische Texte werden verbreitet, die sich kritisch mit Gesellschaft und Individuum auseinandersetzen.

Diese Autoren sind (soweit ich es übersehe, und das mag nicht sonderlich weit sein) typische Vertreter der Renaissance mit großen Namen:
Martin Luther mit seiner Bibelübersetzung, Hans Sachs, Ulrich von Hutten, Erasmus von Rotterdam, Dante Alighieri, Giovanni Boccaccio und William Shakespeare.

 

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3 - Barock (Anfang 17. - Mitte 18. Jahrhundert)

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1 - Die literarischen Epochen ab 1500