1 - Die literarischen Epochen ab 1500
Warum 1500?
1500 wird oft für das Ende des Mittelalters im christlichen Europa hergenommen. Es ist ein symbolisches Datum, ziemlich ungenau und umstritten.
Aber wir liegen vermutlich nicht allzu weit daneben, wenn wir von den üblichen Eckpfeilern ausgehen, und uns darauf festlegen, dass das Mittelalter
mit der Erfindung des Buchdrucks in Europa,
der Reformation,
der Eroberung Konstantinopels
und der Entdeckung Amerikas
endet.
Damit bewegen wir uns im Zeitraum von etwa 1450 (Der Mainzer Johannes Gutenberg erfindet den modernen Buchdruck) bis 1517 (Martin Luther schlägt seine 95 Thesen in Wittenberg an). Okay, nehmen wir 1500 als symbolische Landmarke für das Ende des Mittelalters.
Ganz kurz zum Mittelalter (500-1500)
Die Gesellschaft bestand zu etwa 95 % aus Bauern, zu 5 % aus Klerus (Geistliche, Nonnen und Mönche) und 0,1 % aus Adeligen. Es gab eine strenge Ständeordnung mit festen Trennlinien: Die Menschen wurden in eine bestimmte Schicht oder Klasse hineingeboren und blieben da bis zu ihrem Tode. Sie blieben auch in der Nähe ihrer Geburtsorte und bewegten sich im Laufe ihres Lebens in den allermeisten Fällen kaum weiter als 20 bis 30 Kilometer davon weg.
Im Mittelalter erfolgt die Überlieferung hauptsächlich mündlich. Die Fähigkeit zu lesen und zu schreiben war rar verteilt und vor allem dem Klerus und dem hohen Adel vorbehalten. Geschrieben wurde in den Klöstern. Und natürlich waren auch die Bibliotheken in den Klöstern. Die Schreibmaterialien waren kostbar, z. B. Papyrus aus aufwendig bearbeiteten Tierhäuten. Niedergeschrieben wurde nur, was man als wertvoll und erhaltungswürdig ansah.
Darum ist aus dem Mittelalter viel religiöse Literatur erhalten, außerdem Literatur, die sich der Ständegesellschaft widmet, vor allem der Spitze der Nahrungskette: dem Adel. Daher gibt es viele Texte zu Rittertum und Minnedienst.
1500
Aber jetzt kommt der Buchdruck. Man braucht keine Mönche mehr, die bei mieser Beleuchtung Buchstabe für Buchstabe aus alten Handschriften kopieren und dabei rückenkrank und blind werden. Die Beschreibstoffe werden billiger. 1390 wird Deutschlands erste Papiermühle in Nürnberg gegründet. Mehr und mehr folgen.
Und das Medium Text löst die mündliche Überlieferung ab und entwickelt sich ganz allmählich zum Leitmedium!
Zurück in die Antike
So schwungvoll der Fortschritt ist, so groß ist auch die Besorgnis.
Den Menschen damals ging es wie heute vielen: Es scheint uns alles zu überstürzt, zu vieles ändert sich zu schnell, wir verlieren die Übersicht, erst gedruckte Bücher, herrje, dann soll auf dem Ablasshandel plötzlich kein Segen mehr liegen, dann fahren sie übers Meer und entdecken neue Welten, und ich werde vermutlich meine Gerberei demnächst dicht machen müssen, wenn sie mit feinen Ledern aus der neuen Welt kommen, und die Jungen wollen nur noch lesen, lesen, lesen, statt auf dem Feld zu arbeiten, schrecklich das alles… Ach diese verfluchte moderne Zeit…
Zu viel Neues, die Bürger*innen sind bekümmert und suchen nach etwas Altbekanntem, an dem man sich festhalten kann. Und finden: die Antike! Bzw. die Kultur der Antike, die um 1500 reanimiert wurde.