3 - Barock (Anfang 17. - Mitte 18. Jahrhundert)
Fangen wir vorne an: Der Begriff „Barock“ kommt aus dem portugiesischen Juwelierhandwerk: Eine „barocco“ war eine unvollkommene, weil schiefrunde Perle. Eine Eierperle also. Heute nutzen wir den Begriff „barock“, wenn wir sagen wollen, dass etwas schwülstig ist, mit zu viel Schnörkeln, sehr künstlich, überladen und befremdlich ist.
Ich datiere den Barock eher locker auf Anfang des 17. bis Mitte des 18. Jahrhunderts. Je nach Quelle wird Unterschiedliches genannt, um den Barock zeitlich einzugrenzen: Start 1600 oder 1618, Ende 1720 oder 1750 oder 1770.
Wir befinden uns in der Zeit des Dreißigjährigen Kriegs (1618 bis 1648). In ganz Europa werden riesige Landstriche, durch die die Armeen ziehen, verwüstet. Hungersnöte und Seuchen sind die Folgen. Plünderungen und Gräueltaten der Soldaten an der Zivilbevölkerung besorgen den Rest. Danach ist die bäuerliche Bevölkerung in manchen Regionen Deutschlands praktisch ausgestorben. Die Bevölkerungszahl der Deutschen geht um ein Drittel zurück.
Die monarchische Alleinherrschaft ist gängige Regierungsform.
Als Krone der Schöpfung nimmt sich die westliche Welt erste Kolonien, dann immer mehr. Man könnte auch sagen, dass die Kolonialherren das Land fremder Menschen in Besitz nahmen, sie unterwarfen, vertrieben oder ermordeten. Der internationale Handel blüht auf. Katholizismus und Protestantismus entdecken im jeweils anderen den wahren Feind.
Wer in der Renaissance noch gegen die geistige Übermacht der Kirche rebellierte, hat mittlerweile gelernt, wo seine Position ist. Unter dem Monarch. Unter dem Hof. Unter der Kirche.
Auch in der Literatur wird es formenstreng. Drama und Oper werden entwickelt. In der Lyrik setzt sich das Sonett durch. Die Sprache wird bildreich ausgeschmückt. Sprachliche Pracht wird mit haufenweise Metaphern und Allegorien zelebriert. Die literarische Sprache scheint weit von der realen Sprache der zeitgenössischen Menschen entrückt, so künstlich wirkt sie, so fern und unnatürlich. Meist werden in der Literatur religiös geprägte dramatische Kontraste aufgegriffen: Leben und Tod, Diesseits und Jenseits, Memento mori und Carpe diem. Es geht jedenfalls um den Tod.
(Kein Wunder, wer bis jetzt überlebt hat, wer nicht verhungert ist, wer nicht von den Söldnerheeren bis zum Tode vergewaltigt oder einfach nur so ermordet worden ist, wer nicht an der Pest gestorben ist, wer so viel Glück oder Geschick hatte, dass er oder sie tatsächlich noch lebte, dem oder der war über Jahrzehnte hinweg eindrucksvoll vor Augen geführt worden, was ein Menschenleben der unteren Stände ausmacht: Nüscht. Also sei dankbar, Ameise, dass du lebst, bete und arbeite, damit du auch morgen noch leben darfst. Und genauso haben die Künstler das große, lange Sterben miterlebt und versuchen sich an der literarischen Verarbeitung.)
Ekelhafte Zeit.
Berühmte Vertreter der Barock-Dichtung sind Johann Christoph Gottsched, Paul Gerhardt, Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen oder Andreas Gryphius. Dessen Gedicht „Tränen des Vaterlandes“ ist eins der berühmtesten deutschen Barockgedichte und beschreibt den Horror seiner Zeit:
(Das Gedicht wurde 1637 erstmals gedruckt, ist heute gemeinfrei und darf nachgedruckt werden, darum findet ihr hier ein komplettes Gedicht.)
Andreas Gryphius
Tränen des Vaterlandes
Wir sind doch nunmehr ganz, ja mehr denn ganz verheeret!
Der frechen Völker Schar, die rasende Posaun
Das vom Blut fette Schwert, die donnernde Karthaun
Hat aller Schweiß und Fleiß und Vorrat aufgezehret.
Die Türme stehn in Glut, die Kirch' ist umgekehret.
Das Rathaus liegt im Graus, die Starken sind zerhaun,
Die Jungfern sind geschänd't, und wo wir hin nur schaun
Ist Feuer, Pest und Tod, der Herz und Geist durchfähret.
Hier durch die Schanz und Stadt rinnt allzeit frisches Blut.
Dreimal sind schon sechs Jahr, als unser Ströme Flut,
Von Leichen fast verstopft, sich langsam fort gedrungen.
Doch schweig ich noch von dem, was ärger als der Tod,
Was grimmer denn die Pest, und Glut und Hungersnot,
Dass auch der Seelen Schatz so vielen abgezwungen.
Gryphius haut alles rein in sein Sonett: Die Verwüstungen und Plünderungen der Heere, die vergewaltigten Frauen, die zerstörte Infrastruktur, die Seuchen, Feuersbrünste, die Toten, das Trauma der Überlebenden. So hört sich das an, wenn nichts mehr bleibt als das nackte Leben, weil ein Religionskrieg in einen Territorialkrieg ausgeartet ist. Auslöser des Dreißigjährigen Krieges war die Gegenreform der römisch-katholischen Kirche als Reaktion auf Luthers Reform. Wir reden über schätzungsweise 7 Millionen Opfer. Direkte Kriegsopfer und indirekte, wie die Toten nach Seuchen, Hungersnöten, nach der Zerstörung von Städten und Dörfern.
Die katholische Kirche hat Angst um ihr Vermögen und ihre Macht und zettelt mit den habsburgischen Mächten einen Krieg an. Und am Ende ist halb Europa verwüstet und 7 Millionen Menschen sind tot. Eine weitere Segnung, die die Religion den Menschen gebracht hat, diesmal: das Christentum.
Seltsam, aber so steht es geschrieben.
Der Dreißigjährige Krieg endete dann übrigens mit dem Westfälischen Frieden, bei dem am 24. Oktober 1648 zwei Friedensverträge geschlossen wurden: Einer für die Katholiken in Münster und einer für die Protestanten in Osnabrück. Und das Osnabrücker Rathaus, von dessen Stufen 1648 der Westfälische Frieden verkündet wurde, wurde knapp 300 Jahre später, am 13. September 1944 mitsamt der historischen Altstadt bei einem Bomberangriff der British Royal Airforce nahezu vollständig vernichtet. Zur 300-Jahr-Feier des Friedensschlusses, am 24. Oktober 1948 war der Wiederaufbau des Rathauses abgeschlossen.
Im Osnabrücker Rathaus des Westfälischen Friedens könnt ihr heute den Friedenssaal besichtigen, in dem im 17. Jahrhundert verhandelt worden ist. Eintritt frei. Und schräg gegenüber ist der Eintritt auch frei: Ein, zwei Minuten Fußweg vom Rathaus, Adresse: Markt 6, liegt das Erich Maria Remarque-Friedenszentrum mit einer phantastischen Dauerausstellungen zu Remarques Leben und Werk und wechselnden Sonderausstellungen. Geht einfach rein. Wer etwas vorbereiten möchte, kann über die Homepage eine Remarque-Führung durch Ausstellung und Stadt anfragen. Der Mensch, der eure Mail beantwortet und die Führung organisiert, ist riesig freundlich und hilfsbereit. In Osnabrück sitzt die weltweit führende und weltweit geachtete Expertise zu Remarque, das würde ich nicht verpassen wollen.
Ein weiterer Pluspunkt: Am Markt in Osnabrück kann man lecker essen, und ein gutes Bier gibt es auch. Und das Ganze in einem wahrlich historischen Ambiente.