4 - Aufklärung (18. Jahrhundert)
Es wird vernünftig: Die Aufklärung kommt.
Deutsch „Aufklärung“, englisch „Enlightenment“, französisch "Siècle des Lumières", spanisch „Ilustración“, niederländisch "Verlichting“, dänisch „Oplysningstiden“. Damit ist eigentlich schon alles gesagt und viel schöner, als ich das könnte.
Die Aufklärung ist eine neue geistige Bewegung. Sie fordert, die Vernunft zur Basis des menschlichen Handelns zu machen. Sie glaubt an den Fortschritt und die politisch-gesellschaftliche Weiterentwicklung. Sie verlangt persönliche Rechte und Freiheiten für die einzelnen Individuen und bereitet den Boden für die allgemeingültigen Menschenrechte vor.
In der Wissenschaft, der Philosophie und der Kunst wird der Verstand als oberstes Leitprinzip eingefordert. Die Wissenschaften stehen jetzt den religiösen „Wahrheiten“ gegenüber. Religiöse Toleranz und die Gleichbehandlung aller Menschen werden eingefordert. In der Kunst tritt das Dekorative zurück und macht Platz auf der Bühne für das Erzieherische. Und von der absolutistischen Machtausübung haben die Menschen, vor allem die Bürger, schon lange die Nase voll.
Auch diese Epoche datiere ich eher grob. Schon der Begriff „Epoche“ scheint mir angreifbar zu sein. Also anders formuliert: Was wir in der Rückschau „Aufklärung“ nennen, grenzt sich auf dem Zeitstrahl nicht hart nach links und rechts ab. Statt harten Grenzen gibt es fließende Übergänge. Wie üblich kursieren unterschiedliche Zeiten: Start 1650, im 17. Jahrhundert, um 1700, 1720. Ende 1780, 1785, um 1800.
Zur Geschichte:
Im Barock befanden wir uns noch im „Heiligen römischen Reich“, im Herrschaftsgebiet der römisch-deutschen Kaisers. Nach dem Ende des Dreißigjährigen Kriegs, 1648, war das „Reich“ in über 300 Fürstentümer zerschlagen. Jedes Fürstentum machte seine eigenen Gesetze, erhob seine eigenen Zölle und traf seine eigenen politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen. Die größten Einzelstaaten waren Österreich und Preußen. Es gab einen gemeinsamen Kaiser, aber der hatte bei den Fürsten nicht viel zu melden.
Der Unterhalt eines Königshauses kam die Untertanen teuer zu stehen. Der Unterhalt von über 300 Fürstenhöfen dürfte die Menschen finanziell regelrecht erdrückt haben. Die Kleinstaatenfürsten liebten ein luxuriöses Hofleben, das die Bevölkerung ihnen zu finanzieren hatte. Und natürlich führten sie auch Kriege, in denen die Bevölkerung für sie zu verrecken hatte: Allein drei Kriege zwischen den Preußen und den Habsburgern um die Vorherrschaft in Schlesien. Im dritten Schlesienkrieg, bekannt als Siebenjähriger Krieg (1756 bis 1763), kämpfen Preußen und Österreich mit ihren jeweiligen internationalen Verbündeten darum, wer den Kaiser im Deutschen Reich stellt. In diesem Krieg gab es wieder mal etwa 1 Million tote Menschen, gestorben in den Kämpfen, als Zivilist*innen verhungert oder an den Seuchen gestorben, die die Heere mitschleppten und gratis verteilten.
Inmitten dieser neuerlichen Scheißzeit entstehen neue philosophische Ideen, die in Romantikern wie mir kleine Hoffnungen entzünden: Immanuel Kant (1724-1804) und Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) legen mit ihren Texten die Grundsteine der modernen Philosophie. Kant definiert 1784 in einem Essay in der Berlinischen Monatsschrift, die Aufklärung sei „der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“. Das Ideal des Verstandes, der Vernunft. Und Rousseau ruft die Menschen zurück zur Natur
(Die Aussage „Retour à la nature!“ wird Rousseau nur zugeschrieben. In seinen Texten wird man sie nicht finden. Seine Theorie war, dass der moderne Fortschrittsglaube und die moderne Zivilisation, womit er vermutlich auf die höfische Gesellschaft von Versailles anspielte, den Menschen von sich selbst entfremde. Und der Mensch daher zurück müsse, zurück von der Zivilisation zu seinem natürlichen Zustand.)
und konzentriert sich auf soziale Ungleichheit und eine gerechte Gesellschaft.
Die Ideenwelt der Aufklärung, kurz umrissen: Vernunft soll Basis des Handelns sein, zentrale Werte sind Rationalität und Humanität, das Ziel der Erziehung muss sein, den Verstand auszubilden. Das Ende des Regenbogens: Ein freiheitliches, menschenwürdiges und gerechtes soziales Zusammenleben der Menschen.
Die Aufklärung ist aber nicht nur eine politische, soziale und philosophische Bewegung. Sie ist auch eine literarische Bewegung. Die meisten Quellen geben den Zeitraum 1720 bis 1790 plus/minus 10 Jahre an. Und vorab gesagt: Die literarische Epoche der Aufklärung schließt Empfindsamkeit und Sturm und Drang ein. Die behandeln wir aber noch separat.
Wie haben denn nun die zeitgenössischen Literaten aufgeklärt? Bzw. den Geist der Aufklärung literarisch in Szene gesetzt?
Zunächst zum Personal: Die literarische Produktion ist schon lange nicht mehr Sache der Hofdichter, und das Hauptpublikum ist auch nicht mehr die höfische Gesellschaft. Im 18. Jahrhundert schreiben freie Schriftsteller aus dem Bürgertum über bürgerliche Themen und bürgerliche Protagonisten.
Was heißt eigentlich „bürgerlich“? Wer ist eigentlich „das Bürgertum“? Nach den Pyramidendarstellungen der Stände, die man vielleicht aus der Schule kennt, ist das Bürgertum die städtische Gesellschaftsschicht zwischen Adel und Klerus einerseits und Bauern und Arbeitern andererseits. Diese Bürger begehren jetzt auf und wollen politisch mitreden.
(1789 werden sie mit der Französischen Revolution ganz Europa erschüttern, Ständegesellschaft und Monarchie abschaffen und die Republik ausrufen. Und auch manchen mörderischen Mist bauen.)
Eine neue Romanform entsteht und wird ganz groß: Der bürgerliche Roman. Anfang des 18. Jahrhunderts werden zunächst englische Romane ins Deutsche übersetzt, dann versuchen sich deutsche Dichter an eigenen Werken. Ein prominentes Beispiel für einen bürgerlichen Roman der Aufklärung stammt aus England von Daniel Defoe (1660-1731): Robinson Crusoe (1719)
Noch größer aber werden Drama und Theater: Das bürgerliche Trauerspiel und das bürgerliche Drama werden entwickelt und behandeln die bürgerlichen Tugenden, die es den Bürgern ermöglichten, sich neben dem Adel zu behaupten: Ordnungsliebe, Sparsamkeit, Fleiß, Reinlichkeit und Pünktlichkeit.
Zum Vergleich: Im Mittelalter waren die ritterlichen Tugenden noch staete, minne, hôher muot, mâze und triuwe.
Also Beständigkeit, Verehrung der hohen Dame, edle Gesinnung, Mäßigung und Treue.
Ein kurzer Blick auf diese Tugenden – und man ahnt, wie’s den beiden Gruppen ging: Wo die Bürger ihr Überleben in harter Arbeit sichern mussten, konnten die Ritter sich der geistigen Veredelung zuwenden. Sie mussten sich nicht allzu sehr um Obdach, Kleidung, Essen und sonstigen schnöden Materialismus kümmern.
Unter den deutschen Aufklärern ist Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) ein wichtiger Dramatiker. Seine Werke werden bis heute in Deutschland und international aufgeführt. (Das war ein trockener Satz, der aber eine kleine Sensation transportiert: Lessing wird BIS HEUTE WELTWEIT aufgeführt!) Von ihm sind zum Beispiel Minna von Barnhelm (1767), Emilia Galotti (1772) oder Nathan der Weise (1779).
Neben diesen fiktionalen Textformen erleben auch Essays und philosophische oder satirische Schriften eine Blütezeit. Man hat vielleicht schon einmal den Begriff „Sudelbücher“ gehört. Die Sudelbücher sind die Notizhefte des Mathematikers und Physikers Georg Christoph Lichtenberg (1742–1799), die er während seines Studiums in Göttingen 1764 begann und bis zu seinem Tod fortführte. Sein Bruder Ludwig Christian begann im Jahr 1800, Auszüge davon zu veröffentlichen. Ein kleines Beispiel für die vielen Aphorismen in den Sudelbüchern:
Sagt, ist noch ein Land außer Deutschland, wo man die Nase eher rümpfen lernt als putzen?