5 - Empfindsamkeit (1740-1790)
(Jetzt zieht das Tempo an: Nach den relativ gut abgegrenzten Epochen Renaissance, Barock und Aufklärung verlaufen die Epochen jetzt zunehmend parallel. Das wirkt teilweise fast beliebig. Als hätte ein Hardcore-Club von Literaturkenner*innen nach Texten gesucht, die zusammengehören könnten. Und jedes identifizierte Textgrüppchen wurde etikettiert, mit Namen, Zeitangaben und Merkmalen definiert und ordentlich verortet. Es wirkt sehr ordentlich. Nur passen einige Texte in mehrere Gruppen. Und das ganze Gruppensystem verschwimmt, es gibt Überlagerungen und Lücken. Und ganz viele Texte, die in kein Grüppchen passen.)
Kommen wir zu „Aufklärung, Unterpunkt 1: Empfindsamkeit“.
Die Empfindsamkeit ist je nach Quelle eine Tendenz oder Strömung der Aufklärung oder eine Epoche, die sich aus der Aufklärung heraus entwickelte. Nur bei der Datierung sind sich die meisten einig: Start 1740, Ende 1789 oder 1790.
Was passiert ist: Das Industriezeitalter bricht an. Die Menschen geben ihre Jobs in der Landwirtschaft oder im Handwerk auf und ziehen in Scharen in die Städte, um in den Fabriken zu arbeiten. Wer der früheren „Herrschaft“ auf dem Land entgehen wollte, fand sich jetzt in den Fängen der Fabrikherren wieder und durfte zu deren Wohl unter entsetzlichen Bedingungen schuften und gerade mal so überleben. Am Ende des Regenbogens der Aufklärung lag also doch kein menschenwürdiges Miteinander, sondern Ausbeutung und Sklavenarbeit. Das hört sich nicht nach guter Stimmung an. Eher nach Leid und Elend in großen Teilen der Bevölkerung.
Vielleicht war es ganz zwangsläufig, dass die literarische Verarbeitung dieser Gefühlslage in die Empfindsamkeit gemündet ist. Eine strikt vernunftbetonte Literatur konnte diese Emotionen vielleicht nicht darstellen.
So entstand schon 40 Jahre nach den ersten aufklärerischen Regungen eine Bewegung, die keine Gegenbewegung, keine Revolution war. Sondern eine ergänzende Bewegung, die den Verstand um das Empfinden und die Psychologie bereichert. Das Empfinden sollte in den erzieherischen Auftrag aufgenommen werden: die Persönlichkeitsentwicklung.
Die Rationalität der Aufklärung wurde also mit der Empfindsamkeit angereichert: In der Literatur ging es um die Innerlichkeit, um Gefühle, um Liebe, Freundschaft, Familie. Und es wurde über die Natur geschrieben. Bzw. über den Kontakt mit der Natur. Naturerfahrungen. Also: wie fühlt sich die Natur an. Rousseaus „Zurück zur Natur“ blüht voll auf: Zum beliebten literarischen Thema wird „Das Naturerlebnis als ursprüngliche, echte Empfindung“. Und wo die literarischen Gefühle schwelgen, ist der Tod nicht weit: Tod und Sehnsucht waren andere beliebte Motive.
Gefühlsintensive und überschwängliche Gedichte und intim erscheinende Textformen wie Briefromane und Tagebücher wurden produziert. Ein gern zitiertes Beispiel: Goethes Die Leiden des jungen Werther von 1774.