13 - Moderne (1880-1920) – oder auch nicht
Um 1890/1900 wird es richtig unübersichtlich: Es gibt keine Abfolge von Epochen mehr, sondern ein Nebeneinander von zahlreichen Strömungen und Stilrichtungen.
Die Literaturgeschichtsschreibung hat versucht, die Literatur dieser Zeit mit Kategorien wie Avantgarde, Symbolismus, Ästhetizismus, Impressionismus, Fin de siècle, Neo-Romantik, Neo-Klassizismus, Frühexpressionismus, Jugendstil, Futurismus, Dadaismus, Spätexpressionismus zu sortieren.
Die großen Strömungen dieser Zeit sind wohl Überbleibsel des Realismus, Naturalismus und Expressionismus. Daneben zahlreiche kleinere andere Ismen, siehe oben. Die Moderne ist keine auch nur halbwegs abgegrenzte Epoche, sie scheint eher ein Lückenfüller zu sein.
Also gut anschnallen und immer locker bleiben. Wir konzentrieren uns auf die großen Flüsse, dann sollten wir ohne Kentern durchkommen.
Wo?
In Deutschland. Unser Blick wird enger. Bisher waren viele Epochen internationale Strömungen. Jetzt wird es deutscher: Die deutschen Schriftsteller*innen reagieren auf die deutsche Zeitgeschichte und produzieren zunehmend Werke, die ohne deutsche Politik, Gesellschaft und deutsche Kriege kaum denkbar wären.
Wann?
Die meisten Quellen geben »etwa 1880 bis 1920« als Zeitraum an.
Start der Epoche:
Die meisten geben 1880 an. Einige wenige geben 1880/1890 als Start an. Wie dieser Zeitraum definiert wurde, liegt nicht auf der Hand. Man ist sich weitestgehend einig, dass die Moderne den Realismus und Naturalismus ablöste, und die enden laut Definition 1890/1900. Geben wir 10 Jahre für den Entwicklungsprozess drauf, dann sind wir bei einem Starttermin 1880. Na gut.
Ende der Epoche:
Hier habe ich zwei Erklärungen gefunden, die oft vorgebracht werden:
Die Literaturepoche der Moderne endet 1918 mit dem ersten Weltkrieg.
Die Moderne endet in der Weimarer Republik mit der Neuen Sachlichkeit.
Auch da wären wir bei 1918, denn die Neue Sachlichkeit wird, wie wir noch sehen werden, eng an das Kriegsende geknüpft. Okay, von mir aus: Legen wir zwei Jahre drauf und sind bei 1920 oder ungefähr 1920. Na gut.
Aber, wie ich im ersten Satz zur Moderne geschrieben habe: Es wird unordentlich jetzt. In meinem Inhaltsverzeichnis kommt der Expressionismus nach der Moderne. Aber der Expressionismus kann auch als Teil einer späten Moderne betrachtet werden. Und dann reden wir nicht mehr über das Epochenende zu 1918 oder 1920, sondern 1925.
Aber da das Geschäft der Epochendatierung ein schwieriges und teilweise wackeliges ist, ist »bis etwa 1920« vielleicht ein gangbarer Kompromiss.
Zum Begriff:
Die Moderne also. Man fühlt sich irgendwie angesprochen, als aktueller Mensch in der jüngsten Zeit. Aber nee, die Moderne als Kunstepoche ist seit über 100 Jahren Geschichte.
Der Begriff „Moderne“ wird ganz unterschiedlich verwendet:
Er kann die Neuzeit meinen, und damit die Zeit ab 1500. Das wäre die Bedeutung „nach dem Mittelalter“.
Das Wort kann auch als Gegenprogramm zur Antike aufgefasst werden, wie im 17. Jahrhundert in der “Querelle des Anciens et des Modernes”. (Die Querelle kam aus der Académie française und war ein Disput um die Frage, inwiefern die Antike für die Geisteswelt der Gegenwart noch Vorbildcharakter haben könnte.)
Seit dem 19. Jahrhundert wird der Begriff gerne genutzt, um sich von der Vergangenheit abzugrenzen. Das wäre die Bedeutung „Heute, aktuell, jetzt“.
Eine andere häufig genutzte Bedeutung: Die Zeit nach der industriellen Revolution.
Auch gerne genommen: Die Gründerzeit um 1900.
(Damit ist nicht der Wirtschaftsboom 1871 bis 1873 durch die französischen Reparationszahlungen gemeint, sondern die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, die stilgeschichtlich als „Gründerzeit“ bezeichnet wird.)In der Philosophie wird der Begriff für ein Konzept oder eine Epoche genutzt, die eng mit der Aufklärung verknüpft sind.
Die Moderne steht auch für Stilrichtungen in Architektur, Film, Fotografie, Grafik, Malerei, Musik, Skulptur und Zeichnung.
Hier reden wir von der Moderne als Ordnungsbegriff in der deutschen Literatur um die Wende 19./20. Jahrhundert. Und wir behalten dabei im Hinterkopf, dass die Zeit 1880 bis 1920 teilweise als die Epoche Moderne betrachtet wird, teilweise aber auch als eine Zeit, die von einem breiten Nebeneinander von literarischen Strömungen und Stilrichtungen gekennzeichnet ist und keiner einzelnen Epoche zugeordnet werden kann. Darum auch die diffuse Kapitelüberschrift: Moderne – oder auch nicht.
Wir versuchen gerade in eine Zeit zu schauen, die immer noch stark von der Industrialisierung geprägt ist: Durch die Reichsgründung sind Zollgrenzen und Märkte plötzlich offen. Das steigert die Umsätze enorm und gibt der deutschen Wirtschaft einen kräftigen Schub. In den 1870ern, dem Beginn der Gründerzeit, holen Bürgerliche auf und steigen in die Industrien ein. Deutschland mit seinen Kleinstländern war wirtschaftlich abgeschlagen und holt jetzt in Riesensätzen auf. Die Bewohnerdichte in den großen Städten explodiert. Damit wird der bereits knappe Wohnraum zur akuten Mangelware.
Mangel, unter dem die Arbeiterfamilien leiden. Die arbeiten ohnehin schon unter den erbärmlichsten Bedingungen, oft ungeschützt an lebensgefährlichen Maschinen, 70 Stunden die Woche und mehr. Wer bei der Arbeit krank oder verstümmelt wird, wird ersetzt. Auch die Kinder werden in die Fabriken geschickt. Und das für Hungerlöhne. Das heißt konkret, dass die Menschen es sich nicht mal leisten konnten, sich abends nach der Arbeit satt zu essen.
Dabei wurden die Industriellen, bestehend aus Junkern, Adel und gehobenem Bürgertum, reicher und reicher. Indem sie die Arbeiter*innen bis in den körperlichen und geistigen Ruin ausbeuteten und auspressten. Jetzt mag eine längere Zeit ohne Kriege anbrechen, aber die industrielle Revolution bricht vielen Arbeiter*innen trotzdem das Genick.
Und dann kommt die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, der Erste Weltkrieg. Eine ganze Generation junger Männer wird umgemäht, Deutsche, Briten, Franzosen, Russen, Belgier, Italiener, Serben, die Liste ist international. Wer von den jungen Soldaten nicht an der Front gefallen war, wer nicht verkrüppelt oder komplett traumatisiert war, hatte nach dem Krieg trotzdem große Probleme, sich in das zivile Leben einzugliedern. Die Überlebenden gehen als lost generation in die Literatur und die Weltgeschichte ein.
Laut Ernest Hemingway hat Gertrude Stein den Begriff lost generation in die Welt gesetzt. In A Moveable Feast erinnert sich Hemingway an sein Leben in Paris in den Jahren zwischen 1921 und 1926 und erzählt, wie Gertrude Stein sich beim Besitzer einer Kfz-Werkstatt über einen der Mechaniker beschwerte, worauf der Werkstattbesitzer diesen als Mitglied einer „génération perdue“ ansprach. Im Gespräch mit Hemingway soll Stein den Begriff übernommen und auf die junge Generation der Kriegsteilnehmer angewendet haben, die dissoziiert seien und zu viel tränken:
›That’s what you are. That’s what you all are,‹ Miss Stein said. ›All of you young people who served in the war. You are a lost generation.‹
›Really?‹ I said.
›You are,‹ she insisted. ›You have no respect for anything. You drink yourselves to death …‹
(Ernest Hemingway. A Moveable Feast. London: Jonathan Cape, 1964, S. 32.)
Hören wir von einem Kriegsteilnehmer selbst, was der Krieg mit der jungen Soldatengeneration gemacht hat: Erich Maria Remarque wurde als 18jähriger eingezogen und landete im Juni 1917 als Schanzsoldat an der Westfront im französischen Dorf Hem-Lenglet, vielleicht 50 Kilometer von der belgischen Grenze entfernt. Die Schanztruppe kümmerte sich um die Befestigungsanlagen und Schützengraben. Trotzdem erlebte Remarque im Juni seinen ersten Fronteinsatz und im Juli seinen ersten Chlorgasangriff, ein brandneuer Horror aus dem Ersten Weltkrieg, eine Erfindung der Deutschen. Ende Juli wurde Remarque durch Granatsplitter so schwer verletzt, dass er den Rest des Krieges im Lazarett in Duisburg verbrachte. Dann veröffentlichte er 1928/29 Im Westen nicht Neues und wurde schlagartig berühmt – und außerdem zum beliebten Interviewgast der internationalen Presse. Im Oktober 1929 wird Remarque für den Londoner Observer interviewt und erzählt, was ihn dazu gebracht hat, Im Westen zu schreiben. Remarque sagt, er „wollte zeigen, wie wir waren, eine gewöhnliche Gruppe junger Männer, die eigentlich hätten aufwachsen und sich ihres Lebens freuen müssen“, die aber „in ein Chaos von Tod und Schrecken gestoßen wurden“. Er wollte erzählen „wie das Leben in uns kämpfte, in der Hoffnungslosigkeit, während die Bomben explodierten“, von „unserem absolut drastischen Humor“ und dem „tierischen Appetit“: „Hunger auf das Leben selbst um jeden Preis. Ich wollte den Überlebenskampf gegen den Tod in uns zeigen.“ (Zum Interview: https://www.remarque.uni-osnabrueck.de/emr-interviews/uebersetzungen/scherp%201929.pdf)
Im Westen nichts Neues erzählt von der Wirkung des Krieges auf den einzelnen Menschen und fragt, wie ein junger Soldat, dessen moralisches Grundgerüst zerstört worden ist, sich wieder in die Zivilgesellschaft einfügen soll. Er ist jung, kommt von der Schulbank, hat keinen Beruf erlernt und keine Familie gegründet. Wohin soll er zurückkehren?
Wir haben also unzählige traumatisierte Kriegsheimkehrer. Aber nicht nur die Soldaten, auch die Zivilbevölkerung litt unter dem Krieg. Allein im Winter 1916/17 (Steckrüben-, Kohlrüben-, Hungerwinter genannt) verhungerten hunderttausende Menschen.
Der Glaube an den Segen des Fortschritts beginnt zu wanken. Allmählich wird neben dem Rationalen, Faktischen auch eine neue, innere Welt wahrgenommen: Die Welt der Psyche und des Unterbewussten wird jetzt in der Psychoanalyse erkundet. Die Relativitätstheorie stellt zementene Glaubenssätze in Frage. Die traditionellen Weltbilder sind keine Garanten mehr.
Und auch in der Literatur wird nach neuen Wegen und Ausdrucksformen gesucht. Vor allem eines wird die Moderne kennzeichnen: Stilpluralismus. Bei Form und Sprache wird munter experimentiert und neue Erzähltechniken kommen auf (zum Beispiel der »Innere Monolog«). Strömungen wir Symbolismus, Futurismus und Dadaismus entstehen bzw. werden aus anderen Ländern adaptiert. Neben der Stilvielfalt bringt der Krieg auch neue literarische Themen: Die Entfremdung des Individuums, die Absurdität des menschlichen Lebens, Krieg.
In der epischen Literatur richtet sich der Fokus auf die innere Realität der Protagonisten, oftmals eine skurrile oder absurde Realität, wie zum Beispiel bei Kafka, bei dem sich Gregor Samsa in ein Ungeziefer verwandelt.
In der Lyrik floriert die Nutzung einer experimentellen, symbolischen Sprache, wie bei Georg Trakl, der Farben für Seelenzustände stehen lässt.
Und auch das Drama widmet sich der Psyche und nimmt sozialkritische oder politische Themen auf, wie bei Frank Wedekinds Frühlings Erwachen. Eine Kindertragödie (1891), in dem die gängige Sexualmoral kritisiert wird. (Der Text war jahrelang verboten, da skandalös und angeblich obszön. Er muss es also gut gemacht haben, der Wedekind.)
Drei typische Vertreter: Buddenbrooks: Verfall einer Familie von Thomas Mann (1901), Die Verwandlung von Franz Kafka (1912), Die gesammelten Gedichte von Else Lasker-Schüler (1917).
Alle Beispiele werden in der Literatur auch anderen Epochen zugeordnet oder zumindest in deren Nähe gerückt: Buddenbrooks – Elemente des Naturalismus und des Realismus, Die Verwandlung – Expressionismus, Die gesammelten Gedichte – Expressionismus.
Das spräche dafür, dass die Moderne sich vollends im Nebulösen verhuscht. Ja, gibt’s die denn jetzt, die Moderne, oder nicht?
Nö, würde ich sagen. Und auch die anderen Epochen „gibt es nicht“, meine ich. Es sind nur Ansätze, wie man unüberschaubar viele Texte in Kategorien sortiert, um sie für das menschliche Gehirn verarbeitbar zu machen. Das jedenfalls glaube ich nach 500 Jahren Ritt durch die Epochen verstanden zu haben.