12 - Naturalismus (1880-1900)

Wo?

Wie der Realismus ist der Naturalismus eine internationale literarische Strömung, deren Anfänge in Frankreich verortet werden. Émile Zola (1840-1902) gilt als Begründer des Naturalismus, Honoré de Balzac (1799-1850) und Gustave Flaubert (1821-1880) als Vorläufer. Aus Frankreich hat sich der Naturalismus nach Deutschland, Russland, Skandinavien und in die USA ausgebreitet.

Prominente russische Naturalisten sind beispielsweise Fjodor Dostojewski (1821-1881), Lew Tolstoi (1828-1910), Maxim Gorki (1868-1936). Skandinavische Naturalist*innen wären zum Beispiel Henrik Ibsen (1828-1906), August Strindberg (1849-1912) und Sigrid Undset (1882-1949). Und in den USA ist beispielsweise Walt Whitman (1819-1892) zu nennen.

Wann?

Soweit ich es überblicke, ist sich die Literatur hier ziemlich einige: 1880 bis 1900. Einzelne Quellen schreiben „bis ins 20. Jahrhundert), also 1900 plus ein Bisschen. Für 1880 als Startjahr spricht, dass Émile Zola, der Vater des Naturalismus, im Jahr 1880 das Essay „Le roman expérimental“ als Programm oder Manifest des französischen Naturalismus veröffentlicht. (Eine deutsche Ausgabe folgte erst 1904.)

Zum Begriff

Das macht nicht viel Mühe: Der Begriff „Naturalismus“ wird aus dem Lateinischen „natura“ abgeleitet und fordert damit schon die möglichst realistische und wirklichkeitsgetreue Darstellung. Als Gattungsname soll der Begriff „Naturalisme“ erstmals 1867 bei Zola nachweisbar sein, im Vorwort zur zweiten Auflage zu seinem Roman Thérèse Raquin, der als naturalistischer Text gilt.

 

In der Romantik hatte ich notiert, dass die Reichsgründung erst 1871 geschehen wird. Und da sind wir jetzt angekommen: Im Deutschen Kaiserreich.

Der erste deutsche Nationalstaat ist eine Monarchie. Hauptstadt ist Berlin, Reichskanzler ist Otto von Bismarck, Staatsoberhaupt ist der König von Preußen. Dieser, Wilhelm I., wird mit dem Titel „Deutscher Kaiser“ dekoriert.

(Und hält den Titel bis 1888, dem „Dreikaiserjahr“. Da stirbt Wilhelm I., sein schwerkranker Sohn Friedrich III. übernimmt und stirbt im selben Jahr, dessen Sohn Wilhelm II. übernimmt und hält das Amt bis zum 9. November 1918. Dann wird die Republik ausgerufen, die Monarchie ist am Ende, und Wilhelm flieht in die Niederlande, wo er bleibt und 1941 stirbt.)

Aber Reichskanzler Bismarck ist es wurscht, wer unter ihm Kaiser ist. Er ist auf der Machtleiter ganz oben angekommen.

„Das Deutsche Kaiserreich“ hört sich groß und mächtig an, ist aber nur ein nachträglich verliehener Name für das Deutsche Reich von seiner Gründung 1871 bis zum Ende 1918. Was ein „ewiger Bund“ der deutschen Fürsten sein sollte, hielt nicht mal 50 Jahre.

(Und 30 Jahre davon war das Amt des Kaisers mit einer lupenreinen Wurst besetzt: Im Ersten Weltkrieg übernahm die OHL, die Oberste Heeresleitung, also Hindenburg und Ludendorff, die Landesführung, und Wilhelm II. ließ sich auf die Rolle des Grußonkels schieben. Während Hindenburg und Ludendorff den deutschen Anteil an der großen Katastrophe mit 17 Millionen Todesopfern dirigierten, tat Wilhelm II. exakt gar nichts, bzw. er grüßte stramm und artig nach rechts und links und zwirbelte seinen schneidigen Schnauzbart. Nach dem verlorenen Krieg lief er davon. Bzw. er ging ins Exil in die Niederlande. Den Zweiten Weltkrieg erlebte er in den Niederlanden. Im Mai 1940 erlebte er die Besetzung der Niederlande durch die Deutschen. Was in den Niederlanden für äußerstes Entsetzen sorgte (Siehe Das Tagebuch der Anne Frank), scheint den Ex-Kaiser entzückt zu haben: Er schickte Hitler im Juni 1940 ein Glückwunschtelegramm zum Waffenstillstandsgesuch Frankreichs.)

Deutschland war jetzt also qua Beschluss geeinigt, und alle sollten sich jetzt nicht mehr als Berliner, Sachsen, Bayern etc. fühlen, sondern als Deutsche. Hurra.

 

Außerdem haben wir großen technologischen Fortschritt auf der einen Seite und Armut und Elend des Proletariats auf der anderen Seite.

Die Eisenbahn wird ausgebaut und revolutioniert den Warentransport. Die Menschen werden mobiler. Die Elektrifizierung ermöglicht neue Maschinen, wie Spinnmaschine und Webstuhl, und mit den Dampfmaschinen werden Fabriken betrieben. Fortschritt, Technik und Wissenschaft weisen den Weg in die Moderne. – Gleichzeitig hat die Industrialisierung die Menschen fest im Würgegriff:

(Das ist natürlich grober Quatsch. Es ist nicht „die Industrialisierung“, die die Menschen ausbeutet und in die Knie zwingt. Es sind auch keine allgemeinen Verwerfungen rund um den Globus. Kein Phänomen oder sonst was Nebulöses. Nein, es sind Menschen, die ihre Mitmenschen bis aufs Blut ausbeuten. Es waren Unternehmer und Fabrikbesitzer, die die Massenproduktion brauchen, um reich zu bleiben und noch reicher zu werden. Und auch die Adelsfamilien lassen sich die Gelegenheit, ihre Taschen zu füllen, nicht entgehen: Viele bauen ihre landwirtschaftlichen Anlagen aus, um die gestiegene Nachfrage der Städte und Industrien bedienen zu können oder steigen direkt in Industrie und Bergbau ein und werden Großindustrielle. Wem auch das nicht gelingt, heiratet in bürgerliche Industriellenfamilien ein.)

Die Industrialisierung also. Sie ist Ende des 18. Jahrhunderts in der großbritannischen Textilindustrie entstanden, hat auf dem Kontinent festen Fuß gefasst und umfasst ab etwa 1870 auch Bergbau, Maschinenbau und Eisen- und Stahlindustrie. Vor allem in den neuen Disziplinen wird Deutschland zum erfolgreichen Trendsetter, der seine Technologien international verkaufen kann. (In vielen Branchen hat Deutschland diese Krone verloren, wird aber in einigen Bereichen auch heute noch als Exportweltmeisterin gehandelt.)

Mit den Fabriken entstehen Arbeitsplätze in den Städten. Die Menschen verlassen in Scharen ihre Dörfer und siedeln in die Städte um. Es dauert nicht lange und der Wohnraum in den Städten wird knapp. Und die Arbeitsplätze ebenso. Auch wer Arbeit in den Fabriken gefunden hatte, ist noch lange nicht sicher: Ihr oder ihm ging es oftmals nur ein bisschen besser als den Arbeitslosen: Viel harte Arbeit zu knochenzermalmenden Bedingungen und eine viel zu geringe Bezahlung. Bauern, Arbeiter und Kleinbürger leben in äußerster Armut in Elendsquartieren und in miserablen hygienischen Verhältnissen. Die Tuberkulose ist ein weitverbreiteter Gefährte.

Das Leben der armen Bevölkerung (manche entblöden sich nicht, diese Menschen „die Unterschicht“ zu nennen) ist geprägt von Kampf, Leiden, Hunger, Krankheit, Alkoholismus, Kriminalität, Prostitution und Obdachlosigkeit. Die Arbeiter*innen sind keine Menschen mehr, nur noch Material, das ausgebeutet wird. Du bist nur noch eine humane Ressource, was vielen bekannt vorkommen dürfte. Die Ameisen leiden. Das besser gestellte Bürgertum, Adel, Junker, Klerus und weitere Mitesser zählen ihre Einkünfte und sind wie üblich nicht betroffen.

 

Und! Bzw.: Aber! Unsere Literaten ducken sich nicht weg, sondern krempeln die Ärmel hoch und packen an: Sie versuchen, die Wirklichkeit möglichst objektiv und exakt darzustellen und den eigenen Blick draußen zu lassen.

Dafür wird gerne eine Formel vorgebracht, die der Schriftsteller Arno Holz (1863-1929) entwickelt oder mitentwickelt haben soll, da ist man sich nicht hundertprozentig einig:

„Kunst = Natur − x“

Das x steht für den Einfluss des Künstlers, der möglichst zu reduzieren sei. Also keine literarischen Verzierungen, keine Metaphern, keine Verharmlosungen oder Verschönerungen. Im Gegenteil: Die Realität wird ohne Rücksicht auf Takt und Tabus beschrieben. Wo der Realismus Negatives ausblendet, da schaut der Naturalismus ganz genau hin und beschreibt gerade das Hässliche, Elende und Böse. Wo der Realismus die fiesen Stellen verpixelt, hält der Naturalismus den Scheinwerfer drauf. Erklärt aber nichts und ordnet auch nichts ein. Liefert auch keinen gesellschaftlichen Gegenentwurf oder auch nur Erklärungs- oder Lösungsansätze für einzelne Probleme.

 

Der Naturalismus ist radikaler als der Realismus und geht den Weg von der literarischen Verklärung hin zur objektiven, fast schon wissenschaftlichen Beobachtung. Ein Beispiel: Bei Dialogen werden Dialekte 1:1 wiedergegeben.
Texte des Realismus gelten nicht als geschmeidige, angenehme Lektüre.

Die Texte arbeiten Arbeitslosigkeit, Hunger, Alkoholismus, Armut, Ungleichheit und Ungerechtigkeit genau heraus und die Folgen werden so detailliert und wirklichkeitsgetreu wie möglich formuliert. In manchen Quellen wird der Naturalismus sogar als »Protestbewegung« bezeichnet. Die Motivation mag damit treffend beschreiben sein, ist aber vielleicht etwas zu wohlwollend formuliert. Die Naturalisten haben nicht wie Robin Hood Geld beschafft, um die Not der Armen zu lindern. Sie haben ihre Arbeit gemacht, Texte verfasst, veröffentlicht und in die öffentliche Diskussion gebracht. Das haben sie mit sozialpolitischem Anspruch getan. Und das ehrt sie und macht ihre Texte zur relevanten Literatur. Dennoch stimme ich jeder und jedem zu, denen Realismus und Naturalismus für ihre Zeit zu zahm sind.

 

Sprachlich neigen die Naturalisten nicht zu ästhetischen Experimenten. Sie halten es schlicht und nutzen eine klare Sprache.

Epik und Lyrik stehen am hinteren Bühnenrand, das Drama steht im Scheinwerferlicht: Unsere Naturalisten packen ihre Message bevorzugt in sozialkritische Dramen. Die Figuren werden exakt entwickelt und die Dialoge sorgfältig ausgearbeitet. Die Dramen sind teilweise mit Regieanweisungen gespickt. Einige davon sind so ausladend, dass diskutiert wird, ob es noch ein Drama ist oder schon eine Mischform zwischen Drama und Epik.

Ein Beispiel: Die Weber von Gerhart Hauptmann (1892) über die Revolte schlesischer Weber bei der Hungersnot 1844.

 

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