11 - (Bürgerlicher oder Poetischer) Realismus (1848-1890)

Wo? Eine internationale Epoche, die sich von Frankreich aus in Europa, nach Russland und in die USA ausbreitete.

Wann? Beginn nach der Märzrevolution 1848, Ende 1890.

Das Endjahr 1890 scheint mir wieder eine Vereinbarung zu sein. Soweit ich es sehe, hat man sich geeinigt auf:
a) der Realismus geht mit der aufkommenden Moderne zu Ende (ab 1880) und
b) überschneidet sich teilweise mit dem Naturalismus (ab ca. 1880).
Also 1890. Von mir aus.

Zum Begriff: Die literarische Epoche des Realismus wird auch bürgerlicher oder poetischer Realismus genannt. Diese Begriffe tragen den Umständen Rechnung,

a) dass diese Art der Literatur sich im bürgerlichen Umfeld abspielt, geschrieben von bürgerlichen Schriftsteller*innen, deren Fiktion sich oftmals in bürgerlichen Szenerien entwickelt, und

b) dass in den Texten nicht die harte Realität abgebildet wird, sondern eine literarisch überarbeitete Realität, eine poetische Realität.

Der Name der Epoche wird auf dem französischen Kunstsammler, Schriftsteller und Kritiker Jules Champfleury (1821-1889) zurückgeführt (ein Pseudonym, unter dem Jules François Félix Husson veröffentlichte. Der hatte den Realismus 1857 in der Programmschrift Le Réalisme definiert.) Dabei soll er sich an Gustave Courbet (1819-1877), dem Chef de Cuisine der realistischen Malerei in Frankreich, orientiert haben. Und Courbet wiederum wird nachgesagt, den Realismus als neue Kunstströmung in einem Kreis mit anderen Intellektuellen zur Welt gebracht zu haben, darunter Charles Baudelaire (1821-1867).

Romantik, Vormärz und Biermeier sind Vergangenheit. Willkommen in 1848!

Was jetzt in der Literatur passiert, nennen sie den Realismus. Was in der Welt passiert, nenne ich frustrierend.

1848 war Revolution.

Zum einen die Revolutionen von 1848/1849: 1848/1849 erhoben sich in Menschen in verschiedenen Teilen Europas und forderten die Erneuerung des Machtsystems, der gesellschaftlichen Strukturen und der Wirtschaft. Es war eine Revolution gegen Metternichs Dreckssystem. Die liberalen Ideen der Französischen Revolution und die sozialen Ansätze, die in England im Zuge der Industriellen Revolution entstanden waren, wurden von den Revolutionären aufgegriffen und weiterentwickelt.

Und dann gibt es auch noch die Märzrevolution von 1848 in Berlin: Berlin kannte die Not.

Vom 4. bis zum 6. Juni 1844 hatten die Weber in der preußischen Provinz Schlesien revoltiert, als sie in einer Hungersnot litten. Der Aufstand wurde blutig niedergeschlagen, das Militär ließ kurzerhand in die Menschenmenge schießen. 1847 kam es dann in Berlin soweit: Vom 21. April bis zum 23. April 1847 gab es auch in Berlin Hungerunruhen: Nach Missernten kam es zur Kartoffelrevolution und tausende Berliner*innen revoltierten.

27. Februar 1848:

Die direkten Nachbarn Frankreichs, die südwestlichen deutschen Länder, allen voran das Großherzogtum Baden, formulierten in der Mannheimer Petition die sogenannten Märzforderungen: Wir nehmen es heute als ganz selbstverständliche Grundrechte hin, aber 1848 waren die Forderungen eine ganz große Sache: Menschen- und Bürgerrechte, Presse-, Meinungs-, Versammlungsfreiheit, eine unabhängige Justiz, Schaffung eines deutschen Nationalstaates mit einer liberalen Verfassung, ein deutsches Parlament, politisches Mitspracherecht für die Bürger…

Die Bewegung breite sich innerhalb weniger Wochen auf die übrigen Staaten des Bundes aus und die deutsche Revolte war perfekt. Die Ameisen fordern in Berlin Freiheitsrechte von der preußischen Monarchie.

13. März 1848:

Das Militär greift ein. Es kommt zu Barrikadenkämpfen mit Hunderten Toten. Am Ende muss König Friedrich Wilhelm IV. das Militär aus Berlin abziehen lassen und macht politische Zugeständnisse, um die Demonstranten mundtot zu machen. Das klappt auch. Eine Pseudo-Regierung wird ernannt, eine preußische Verfassung angekündigt. Und der gute treue König, das Skrotum, ließ die preußische Nationalversammlung am 5. Dezember 1848 mit Waffen gewaltsam auflösen. Anschließend machte er alle Zugeständnisse an die Revolutionäre wieder rückgängig.

Wir haben in der Bevölkerung also mittlerweile ein erwachtes Bewusstsein für soziale Ungerechtigkeit und den Willen, die Gesellschaft mitzugestalten: Der Ruf nach politischer und wirtschaftlicher Teilhabe erklingt. Die Menschen fordern, werden aber umso stärker zensiert und unterdrückt.

Und unsere Literaten?

Wenden sich im Realismus zwar der Wirklichkeit zu, aber einer schönen Wirklichkeit. Die Realität wird ästhetisiert und literarisch aufgearbeitet. Deutlich formuliert: Die Wirklichkeit wurde geschönt. Gefragt war nicht die schonungslose Wirklichkeit, sondern eine ästhetisierte Wirklichkeit. Eine alternative Realität also. Das mag euch heute bekannt vorkommen. (Aus dem Weißen Haus haben wir im Januar 2017 sehr abweichende Berichte über die Anzahl der Besucher bei der Amtseinführung des damaligen Präsidenten gehört. Die unterschiedlichen Zahlen wurden uns mit "alternative facts" erklärt.)

Wie darf man sich die schöne Realität konkret vorstellen? Arbeitermilieus zum Beispiel werden beschrieben, aber unangenehme Realitäten wie Krankheit und Tod nicht. Der Fokus liegt nicht auf den Schwierigkeiten, und die Schwierigkeiten werden nicht in einen sozialpolitischen Kontext gestellt. Also nicht zu genau hinsehen, wenn‘s hässlich wird, und vor allem niemanden in die Pflicht nehmen, die Probleme anzugehen.
Oder aalglatt formuliert: Die sozialen Probleme werden im poetischen Realismus angesprochen, die Lösung muss die Leserschaft selbst ausarbeiten.

 Aber unsere Literaten ducken sich in dieser Zeit nicht komplett weg, sie entwickeln neben allem Geschöne auch den Gesellschaftsroman, in dem es um kritische soziale Verhältnisse geht. Damit reagieren die Künstler auf die Industrialisierung und die gesellschaftlichen Veränderungen, die sie auslöst, z. B. die Verelendung von Teilen des Proletariats. Sie schreiben Texte über ihre eigene gesellschaftliche Schicht und thematisieren das bürgerliche Leben. Auch die Situation der Frauen wird allmählich zum literarischen Thema, Frauenfiguren werden aus der Strickecke rausgeholt, abgestaubt und mit echtem Leben versehen, vgl. den typischen Vertreter unten.

Die Autoren beginnen Lyrik zu vernachlässigen und konzentrieren sich auf Prosa, die sie mit objektiven Darstellungen anreichern, z. B. wie gesagt mit realistischen Frauenfiguren. Die Beschreibungen werden sehr ausführlich, die Texte werden immer länger. Wir sind in der Epoche der Langtexte. Natürlich wirkende Dialoge werden wichtig. Die Natur spielt nicht mehr die Rolle des Göttlichen, Erhabenen. Sie wird zur Szenerie für das Leben des Menschen oder zum Spiegelbild seiner Empfindungen.

Ein typischer Vertreter: Effi Briest von Theodor Fontane (1894/95 als Fortsetzungsroman in der Deutschen Rundschau erschienen, 1895 als Buch)

(Als Hauptwerk des poetischen Realismus wird gerne genannt: Der grüne Heinrich von Gottfried Keller (1854/55). Nun ist Keller aber in Zürich geboren, in Zürich gestorben, war unzweifelhaft Schweizer. Deutschsprachige Literatur ja, deutsche Literatur nein.)

 

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