14 - Heimatkunst (1890-1930)
Wo?
Eine Architektur- und vor allem Literaturbewegung in Deutschland und Österreich.
Wann?
1890 bzw. um 1900 bis in die NS-Zeit hinein.
Zum Begriff
Ich finde die Begriffe „Literatur der Heimatkunst“, „Heimatkunstliteratur“, „Literatur der Heimatkunstbewegung“, und schlicht „Heimatkunst“ oder „Provinzkunst“.
Das Ende des 19. Jahrhunderts ist, wie oben beschrieben, geprägt von Technisierung, Industrialisierung, Landflucht und dem enormen Wachstum der Städte, vor allem der Armutsviertel, in denen die Arbeiterfamilien leben. Oder so was ähnliches wie leben. In dieser Zeit entsteht im deutschsprachigen Raum eine literarische Strömung, die sich gegen die weitverbreitete Großstadtliteratur und gegen den nüchternen analytischen Naturalismus richtet: Die Heimatkunst.
Es wird idyllisch! Bevorzugt werden nostalgische Bauern- und Heimatromane mit einfacher Erzählperspektive. Die Romane erzählen in volkstümlichem Duktus vom ländlichen, bäuerlichen, gerne auch vom alpinen Leben, ausgeschmückt mit den jeweiligen regionalen Spezereien. Dagegen wäre nichts zu sagen. Aber gleichzeitig wird es leider braun, genauer gesagt: völkisch-nationalistisch.
Im Heimatroman wird der Bauer als Verkörperung des »Volkstums« in der Natur gefeiert. Und die Natur ist die deutsche bzw. österreichische Landschaft. Die Figuren sind anpackende, pragmatische echte Kerle mit hochgekrempelten Ärmeln und keine jungen durchgeistigten Großstadtheinis, die blass und bleich vor sich hin reflektieren.
Der Heimatroman bietet den Verunsicherten einen sicheren Hafen, in dem sich zwischen Verlässlichkeit und Dauerhaftigkeit ankern lässt. Aber es ist ein völkischer Hafen mit Fundamenten aus aggressivem Nationalismus, Fremdenhass und Antisemitismus.
Für die Autor*innen von der Heimatkunst gab es auch konzeptionelle Zeitschriften, Die Heimat (1900-1904) und Deutsche Heimat (1900-?) im Heimatverlag Georg Heinrich Meyer. – Man bekommt eine Ahnung, in welche Richtung das ging…
Die Autor*innen vermitteln eine extreme Weltanschauung in unpolitisch wirkenden Texten. Nicht das „für die Heimat“-Programm ist das Problem, sondern das „gegen die Anderen, gegen die Fremden, gegen die Juden“-Programm ist das Problem. Die Texte sind zivilisationskritisch und antimodern und geraten schnell in die Blut- und Boden-Literatur der Nazis.
Einige Bücher der Heimatkunst wurden bei den Nazis zur staatlich anerkannten Lektüre: Der sogenannte Heidedichter Herman Löns (1866-1914) schrieb 1910 so ein Machwerk: Der Wehrwolf. Darin verteidigen sich Bauern gegen fremde Angreifer im Dreißigjährigen Krieg. Und dieses Buch wurde im NS dann zur gehypten Staatskunst. Das Buch wurde der Hitlerjugend angeraten, vermutlich um sie in die geeignete Stimmung für den „Volkssturm“ zu bringen, das letzte Aufgebot, als Abertausende von unter 16- und über 60-jährigen mit lächerlicher Ausrüstung in das letzte Schlachten geschickt wurden.