15 - Expressionismus (1905-1925)

Wo?
Wie im Kapitel zur Moderne angekündigt, wird es jetzt immer deutscher und weniger international. So auch beim literarischen Expressionismus, der in Deutschland entstand und dort sein Zentrum hatte, jedoch auch in Westeuropa (Belgien, Niederlande, Österreich-Ungarn, Skandinavien) und Osteuropa (Polen, Rumänien, Russland, Ungarn) spürbar wurde.

Wann? Mehrheitlich heißt es: 1905 bis 1925.

Teilweise werden dabei zwei Phasen angegeben:

  1. Frühexpressionismus: 1905 bis 1914

  2. Expressionismus: 1914 bis 1925

Einige sprechen sich auch für 1910 bis in die 1920er oder genauer: bis 1925 aus und manche von ihnen nennen diese Phasen:

  1. Frühexpressionismus: 1910 bis 1914

  2. Kriegsexpressionismus: 1914 bis 1918

  3. Spätexpressionismus: 1918 bis 1925

Start des Expressionismus also 1905 oder 1910 und Ende um 1925. Zum Start heißt es meist „nach dem Naturalismus“ der pünktlich zur Jahrhundertwende endet.

Zum Begriff:
„Expressionismus“ wird auf das lateinische exprimere zurückgeführt, auf Deutsch: ausdrücken, darstellen.

Und genau darum geht es beim Expressionismus, um die Darstellung der inneren Wahrnehmung der expressionistischen Künstler*innen. Und die waren überwiegend junge, gebildete, bürgerliche Städter*innen. Ein früher (vielleicht der früheste) Nachweis für den Begriff „Expressionismus“ findet sich 1911 bei dem Schriftsteller und Schwulenaktivisten Kurt Hiller: In dem Zeitungsartikel „Die Jüngst-Berliner“ (erschienen in der Monatsbeilage „Literatur und Wissenschaft“ zur Heidelberger Zeitung, Jg. 53, Nr. 169, 22. Juli 1911) schreibt er:

Wir sind Expressionisten. Es kommt uns wieder auf den Gehalt, das Wollen, das Ethos an. […] So ist in der Dichtung unser bewußtes Ziel: die Formung der Erlebnisse des intellektuellen Städters.

Die Schriftsteller*innen sind also junge gutgestellte Stadtmenschen. Wichtige Themen des Expressionismus sind dann auch das Leben in der Großstadt und die Dissoziation, die Entfremdung des Menschen in der modernen Welt.

 

Den Expressionismus findet man in vielen verschiedenen Medien, in Literatur, Malerei, Musik, Film und Fotografie.

Was den literarischen Expressionismus angeht, so wird von einzelnen Stimmen angezweifelt, ob der überhaupt als eigene Epoche gelten kann, oder ob er nicht vielmehr eine Tendenz oder Stilrichtung innerhalb der Spätmoderne war. Aber die Mehrheit der Literatur, die ich überblicken konnte, vertritt mit Wucht und Anspruch die Haltung: „Der Expressionismus ist eine literarische Epoche von 1905 bis 1925.“ Na gut, halten wir uns daran.

Für den geschichtlichen Hintergrund gilt vieles, was ich schon im Kapitel über die Moderne notiert habe: Die Auswirkungen der Industrialisierung mit rapiden technologischen Fortschritten und einer erbärmlichen Situation der Arbeiter sind deutlich spürbar. Der Erste Weltkrieg hinterlässt Millionen von getöteten sowie unzählbare traumatisierte Menschen. Mit der Psychoanalyse und der Relativitätstheorie entstehen neue Ideen.

Die Zeit des Expressionismus ist insgesamt geprägt von sozialen Problemen vor allem der Arbeiterklasse, von technischem Fortschritt und dem Ersten Weltkrieg. Und da viele Expressionisten im Krieg getötet, verletzt oder verstümmelt worden waren, wird der Krieg ab 1914 zu einem zentralen Thema, das einige unserer Expressionisten aus erster leidvoller Hand kennen und intensiv künstlerisch gestalten.

Wer ist das überhaupt, unsere Expressionisten? Diese Autor*innen werden von vielen Quellen genannt: Gottfried Benn, Alfred Döblin, Georg Heym, Jakob van Hoddis, Franz Kafka, Georg Kaiser, Elke Lasker-Schüler, Heinrich Mann, Robert Musil, Ernst Toller, Georg Trakl.

Die Schriftsteller suchen im Expressionismus nach einer Erneuerung der Literatur. Die Ausdrucksformen werden sehr emotional und subjektiv. Die Darstellung einer objektiven Wirklichkeit tritt zurück.

Themen des Expressionismus sind Krieg, Dissoziation, Großstadtleben, Technisierung und soziale Ungerechtigkeit. Die Motive sind oftmals Tod, Wahnsinn, Zusammenbruch und die Suche nach dem Neuen. Stilistisch werden gerne ausdrucksstarke, beklemmende Bilder in einer mit Metaphern durchsetzten Sprache genutzt. Lyrik und Drama werden als die Textarten gefeiert, die eine intensive Emotionalität direkt transportieren können, und erleben ein Hoch.

Und da viele expressionistische Schriftsteller in Berlin leben, gibt es auch Kontakte zwischen ihnen. Eine Vorreiterin des Expressionismus, Else Lasker-Schüler, stand zum Beispiel in engem Briefkontakt mit dem Maler Franz Marc und war mit Gottfried Benn befreundet. Und die Expressionisten schufen sich auch ihr eigenes Organ für die Veröffentlichung ihrer Texte, denn die fanden zunächst nicht allzu viele Fans. Am 3. März 1910 wurde erstmals die avantgardistische Wochenzeitschrift Der Sturm von Herwarth Walden herausgegeben, dem damaligen Ehemann von Lasker-Schüler.

Typische Werke

Die Verwandlung von Franz Kafka (1912)
(Vorsicht, manche Quellen sagen, Kafkas Verwandlung sei superduper typisch für den Expressionismus, andere sagen, Kafka sei ein so ungewöhnlicher Autor, dass er gar keiner Strömung zugeordnet werden könne. Hört sich für mich nach verschärftem Fantalk an.)

Einiger sind sich die Quellen bei Ernst Toller (1893-1939) und seinem Theaterstück Die Wandlung. Das Ringen eines Menschen von 1918/1919:
Es war sein Bühnenerstling und gilt nicht nur als typisch für sondern sogar als Schlüsselwerk des Expressionismus.

Toller war Schriftsteller und Politiker: Als gegen Kriegsende, Anfang November 1918, im deutschen Reich die Novemberrevolution ausbrach, gab es für etwa vier Wochen in Bayern den Versuch, eine sozialistische Räterepublik zu etablieren. Die Münchner (oder: Bayerische) Räterepublik wurde Anfang April 1919 ausgerufen. Und in der Führungsriege dieser Räterepublik treffen wir Ernst Toller. Im Juni ist das sozialistische Experiment dann wieder Geschichte. Die Räterepublik wurde niedergeschlagen. Toller landete als linkssozialistischer Revolutionär wegen Hochverrats vor Gericht und wurde zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt, die er bis Juli 1924 im Gefängnis Niederschönenfeld absaß. 1922 und 23 schreibt er im Knast Gedichte über Schwalben, die in seiner Zelle nisten, und lässt das Manuskript aus dem Gefängnis schmuggeln. 1924 erscheint Das Schwalbenbuch im Verlag Gustav Kiepenheuer, Potsdam. Und er schreibt in der Haft weitere Bücher:

  • Masse Mensch. Ein Stück aus der sozialen Revolution des 20. Jahrhunderts (erschienen 1921 bei Kiepenheuer, uraufgeführt schon 1920 am Stadttheater Nürnberg)

  • Die Maschinenstürmer; ein Drama aus der Zeit der Ludditenbewegung in England (erschienen 1922 bei E. P. Tal & Co. Verlag in Leipzig)

  • Hinkemann (erschienen 1923 bei Kiepenheuer, 1923 uraufgeführt am Alten Theater Leipzig)

Toller sollte begnadigt werden, als seine Texte große Aufmerksamkeit und Anerkennung erzeugten. Er lehnte ab. Er wollte nur begnadigt werden, wenn seine Forderungen nach einer allgemeinen Amnestie für die Revolutionäre der Räterepublik erfolgreich wären. Wenn die anderen Gefangenen auch begnadigt würden. Ein redlicher Mensch. Das kann nicht gutgehen. Tat es auch nicht. Im April 1939 erhängt sich Ernst Toller, völlig verzweifelt über die Faschisten und das Nicht-Reagieren der anderen Staaten, wie es heißt.

(Ja, richtig, Hitler saß auch in Festungshaft, in Landsberg. Und schrieb da auch ein Buch. Oder diktierte es. Oder zeichnete es zumindest mit seinem Namen.)

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14 - Heimatkunst (1890-1930)