8 - Romantik (1795-1848)
Zeitlich eine überschaubare literarische Epoche von gut 50 Jahren, aber mega präsent.
Wo?
Die Romantik. Ein Klopper. Für die Deutschen eine megawichtige Kunstepoche, eine identitätsstiftende Epoche! Es wird sogar von der „Deutschen Romantik“ gesprochen. Und manch eine*r behauptet, die Romantik habe sich von Deutschland aus international ausgebreitet. Sei in Deutschland entstanden oder entsprungen oder erfunden worden.
Kann schon sein, dass die Romantik in und für Deutschland sehr wichtig war. Wo sonst gibt es sowas wie die Rheinromantik? Was wäre die Welt ohne Caspar David Friedrichs Wanderer über dem Nebelmeer oder den Kreidefelsen auf Rügen (beide um 1818)? Aber wir reden über eine internationale Bewegung mit großen Werken von Autor*innen aus u. a. England, Frankreich, Russland, den USA. (Nur ein paar prominente Namen: Die Brontë-Schwestern, Victor Hugo, Puschkin, Hawthorne.)
Wann?
Start 1795 oder 1798.
Die Fürsprecher für Start 1795 begründen die Datierung mit der Frühromantik, die in Jena um Novalis und die Schlegel-Brüder begann, man nennt sie auch die „Jenaer Romantik“. Warum das Phänomen 1795 entstanden sein soll und nicht 1796 oder 1797, erschließt sich mir nicht. Vermutlich hat man sich irgendwann darauf geeinigt, dass die Frühromantik 1795 in Jena beginnt.
Die Fürsprecher für Start 1798 begründen das mit der Veröffentlichung einiger kunsttheoretischer Aufsätze von Wilhelm Heinrich Wackenroder und Ludwig Tieck unter dem Titel Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders. Nur sind die 1796 anonym erschienen und nicht 1798.
Damit man doch noch auf 1798 kommt, wird dann noch Tiecks Text Franz Sternbalds Wanderungen von 1798 dazugeholt.
Und außerdem – jetzt kommt das finale Argument mit fett Gewicht: – haben die Brüder August Wilhelm und Friedrich Schlegel von 1798 bis 1800 die Zeitschrift Athenaeum herausgegeben, die sich als das literarische Organ der Frühromantik verstand.
Aber da die meisten Quellen den Beginn der Romantik auf 1795 datieren, halte ich mich daran.
Ende 1835, 1840 oder 1848.
Die Fürsprecher für Ende 1835 argumentieren, dass 1835 die Spätromantik ende und damit auch die Romantik an sich.
Andere Quellen sehen das Ende der Spätromantik bei 1830, einige erst bei 1850.
Wenige Quellen nennen das Jahr 1840 oder „um 1840“, weil die Romantik zwischen Aufklärung und Realismus einzuordnen sei.
Aber die allermeisten Quellen sehen das Ende der Romantik bei der Märzrevolution 1848.
Zum Begriff: Woher hat die Epoche ihren Namen? Der Begriff »romantisch« entstand im 17. Jahrhundert zur Beschreibung romanhafter Texte, also Romane und Romanzen. Ab dem Jahrhundertwechsel 18./19. Jh. wird der Begriff »Romantik« auch für die idealisierte romantische Liebe, für das wilde, ungestüme Naturgefühl, für volkstümliche Motive und Figuren, für das Mystische und Übernatürliche benutzt.
Das riecht ein bisschen nach Flucht vor der realen Welt. Die reale Welt war aber auch wirklich unruhig:
1806 dankt Kaiser Franz II. auf Druck Napoleons ab und erklärt das Heilige Römische Reich Deutscher Nation für aufgelöst. Es gibt jetzt über 300 einzelne, wie soll man sie nennen: Länder, Fürstentümer, Einzelstaaten, Territorien? Es geht zu wie vor rund 150 Jahren nach dem Ende des Dreißigjährigen Kriegs.
1813 bei der Völkerschlacht bei Leipzig wird Napoleon von einer Koalition von Österreich, Preußen, Russland und Schweden besiegt und 1815 von einer Koalition von Großbritannien, den Niederlanden und Preußen vernichtend und endgültig geschlagen. Das war die berühmte Schlacht bei Waterloo. Und jetzt ist die politische Landkarte in Europa komplett offen. Viele Landesgrenzen sind aufgeweicht oder ausradiert, viele Grenzverläufe sind unklar.
Es folgt der Wiener Kongress, in dem das Chaos geordnet werden soll. Er wird teilweise als „Friedenskongress“ bezeichnet. Aber im Grunde treffen sich ein paar mächtige Typen und kungeln Europa unter sich aus. Die Staatsgrenzen werden neu festgelegt. Frankreich, Großbritannien, Österreich, Preußen und Russland sind die treibenden Kräfte, die »Großmächte«, die wieder ins Gleichgewicht kommen sollen. Die Gebiete, die Frankreich unter Napoleon erobert hat, muss es wieder abtreten. Polen wird aufgeteilt. Preußen, Österreich und Russland erklären sich zur »Heiligen Allianz«, in der man gegenseitig solidarisch ist und nationale und liberale Initiativen bekämpft.
Für Deutschland bedeutet das:
1815 herrscht wieder der Adel. Das Bürgertum wurde im Wiener Kongress nicht gehört, sondern dem Adel untergeordnet – und fertig.
Deutschland bleibt in Einzelgebilde zerfleddert. Das Konstrukt nennt sich Deutscher Bund und besteht aus 35 souveränen Fürstentümern und vier freien Städten unter der Führung Österreichs. Ziel ist der Erhalt der absolutistischen Fürstenherrschaft. (Der einflussreichste Politiker Österreichs, Metternich, wird sein eigenes Unterdrückungssystem entwickeln: das „Metternichsche System“, das die Instrumente für die Nötigung und Repression der Bevölkerung, für Unterdrückung von Demokratie und Meinungsfreiheit bereitstellte.)
Für unsere Literaten hieß das: Zensur, Zensur und nochmals Zensur. Sagt Adieu zur freien Meinungsäußerung und zur freien Rede.
Kein vereintes Deutschland: Ein einiges Deutschland wollten die anderen Großmächte nicht: Es hätte ein beachtliches Gegengewicht im Kräfteverhältnis bedeutet. Und auch die deutschen Fürsten und Fürstlein strebten keine Einheit an. Denn dann hätte es einen König (oder dergleichen) gegeben, dem sie untergeordnet wären.
(Die Reichsgründung wird erst 1871 vollzogen. Und mit Blick darauf, was »das Reich« dann in den darauffolgenden 70, 80 Jahren so treiben wird, fragt man sich, was passiert wäre oder was vielleicht NICHT passiert wäre, wenn die deutsche Einigung noch weitere 40, 50 Jahre herausgezögert worden wäre…)
Bewegte Zeiten also. Und wie so oft, wenn sich viel, zu viel bewegt, reagiert der Mensch mit Rückzug. Rückzug aus einer belastenden Realität. Nur, wohin sollte man sich Anfang des 19. Jahrhunderts zurückziehen? Bitte nicht in die antike Kultur: Für die Romantiker hatten die antiken Ideale der Weimarer Klassik ausgedient und waren zu weit entrückt. So suchten einige Literaten Trost in den Traditionen des Mittelalters und der Volksliteratur, in Märchen, Sagen und Legenden. Und auch die Lyrik als Transporter emotionaler Texte blühte erneut auf.
Man hört bzw. liest, die Erlanger Studenten Heinrich Wackenroder und Ludwig Tieck hätten 1793 bei einer zwölftägigen Wanderung in die Fränkische Schweiz, als „Pfingstreise“ bekannt geworden, mittelalterliche Ruinen gefunden, was sie zutiefst beeindruckt habe. Das sei der Quell für die Idealisierung des Mittelalters in der Romantik.
Nun ja. Kann schon sein. Hört sich aber auch an wie eine nette Geschichte, die im Nachhinein dazugekommen ist.
Wo wir schon bei den kritischen Stimmen angekommen sind, darf die von Heinrich Heine nicht fehlen:
Heinrich Heine sieht das mit der Romantik entschieden kratzig. Er findet sie trügerisch und gefährlich.
Huch, wie kommts? – Heine ist 1831 vor der Metternichschen Zensur und dem allgemeinen deutschen Judenhass nach Paris ausgewichen oder geflohen, wie man möchte. Jedenfalls emigriert. Und das deutsche Literatur-Urgestein Heine beginnt in Frankreich französischsprachige Texte für das französische Lesepublikum zu schreiben und zu veröffentlichen (und kann in dieser Zeit meines Erachtens nicht unwidersprochen als deutscher Schriftsteller qualifiziert werden, aber das ist eine andere Tasse Tee). Ab 1831 lebt Heine jedenfalls in Paris. Er schreibt Die romantische Schule und veröffentlicht den Text 1833 artikelweise in französischen Zeitschriften und 1836 als Buch in deutscher Sprache.
Heinrich Heine. Die romantische Schule
Darin stellt er die zeitgenössische deutsche Literatur in ihren politischen und gesellschaftlichen Kontext. Und warnt uns vor ihr. Und vor Deutschland. Und vor dem romantischen Deutschlandbild, dass Germaine de Staël mit ihrem vielbeachteten Deutschlandbuch De l’Allemagne seit 1810 in Frankreich verbreitet.
Ich versuche, Heines Argumentation zu überfliegen:
Nach Heines Darstellung erweckt die Romantik die Poesie des Mittelalters zum Leben (S. 10, Z. 32f). Die wiederum wurzelt im Christentum (S. 10, Z. 35), im Katholizismus (S. 11, Z. 15f). Und der Katholizismus unterstützt den Despotismus (S. 11, Z. 21-30). Ergo: Die romantische Schule steht in der Tradition der Unterwürfigkeit gegenüber dem Autokraten.
Unter Napoleons Fremdherrschaft befahlen die besiegten deutschen Fürsten dem Volk Patriotismus, um den Besatzer bekämpfen zu können: Die Bevölkerung sollte Gemeinsinn entwickeln (S. 29, Z. 31f), an das gemeinsame deutsche Vaterland glauben und an die „Vereinigung der christlich germanischen Stämme“ (S. 29, Z. 33-36).
Der französische Patriotismus bestehe in Eingrenzung, nämlich darin, ganz Frankreich zu lieben (S. 30, Z. 5-8).
Der deutsche Patriotismus hingegen bestehe in Ausgrenzung, nämlich darin, das »Andere«, das Nicht-Deutsche zu hassen, so dass der Deutsche „nicht mehr Weltbürger, nicht mehr Europäer, sondern nur ein enger Deutscher sein will“ (S. 30, Z. 9-12).
Die Romantik zelebriert die Deutschtümelei und lehnt Frankreich ab und unterstützt damit die deutschen Fürsten und den von ihnen gewünschten Patriotismus (S. 30, Z. 35ff).
Nachdem der deutsche Patriotismus qua Befehl entstanden war (S. 29, Z. 36f), besiegten die Deutschen die Franzosen und damit siegte auch die Romantische Schule (S. 31, Z. 5ff).
Vorsicht also: Die vermeintlich unpolitische deutsche romantische Literatur steht im Zusammenhang mit deutschem Fremdenhass und insbesondere Frankreichhass.
Meine Romantische Schule von innen
Die deutsche Romantik, ein xenophobes, frankophobes Instrument der Obrigkeit?
Die Frage traue ich mich nicht zu beurteilen. Aber nachdem ich mir das große Wartburg-Studenten-Event näher angeschaut habe, konkretisiert sich mein Gefühl, dass da was stinkt mit der Romantik…
Die Wartburg. Hier hat Luther seine Thesen niedergeschrieben. Und sie wurde im frühen 19. Jahrhundert zum nationalen Symbol für die Deutschen. Dann kommt es im Oktober 1817 zum Wartburgfest: Die bürgerliche Jugend studiert jetzt hat sich sich in Burschenschaften organisiert. Und diese Burschenschaften organisieren um den Jahrestag der Völkerschlacht von Leipzig UND den 300 Jahrestag von Luthers Thesenanschlag ein großes Studententreffen auf der Wartburg. Zwischen 450 und 500 Studenten sollen gekommen sein. Ihre Themen: Freie Rede, Selbstbestimmung, Überwindung des Adels, deutsche Einheit.
Die mehrfachen Jahrestage zeigen eine starke Absicht der Organisatoren: Das Event lehnt sich an historische Daten an und sollte mit Wucht und Bedeutung daherkommen. Die Burschenschaften wollten auf der Wartburg politisch wirklich etwas erreichen. Die bürgerlichen Studenten wollten die Herrschaft des Adels brechen und selbst die Zügel in die Hand nehmen. In welcher Richtung sie sich das vorstellten, zeigte sich abends auf der Wartburg: Unsere junge feiernde studentische Nationalbewegung verbrennt Bücher Andersdenker und vernichtet sie und ihre Gedanken damit symbolisch. Und auch antisemitische Sprüche dürfen nicht fehlen, damit echte nationalistische Gemütlichkeit aufkommt. Das Alles kann man bequem online recherchieren, sogar welche Bücher mit welchen Begleitworten ins Feuer geworfen wurden.
Heine wird in der Romantischen Schule schreiben, dass der Hass auf das »Andere« zum deutschen Nationalismus dazugehört. Man könnte das Wartburgfest als Beleg für seine Aussage nennen. Dass für manche Deutsche auch der Hass auf Juden ein fester Bestandteil ihrer nationalen Identität war, dürften seine Mitbürger dem Juden Heine in seiner deutschen Heimat überdeutlich gemacht haben.
Übrigens: 116 Jahre später, am 10. Mai 1933, feiert eine andere junge deutsche studentische Nationalbewegung eine große Bücherverbrennung in vielen deutschen Städten, zum Beispiel auf dem Berliner Bebelplatz. Dort gibt es heute ein Denkmal mit einem Zitat Heines: „Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“
Jetzt habe ich mich wieder komplett in den politischen und sozialen Fäden verheddert. Und ich schulde doch noch ein epochentypisches Beispiel: Ein kurzweiliger romantischer Text, der munter mit verschiedenen Formen spielt, ist z. B. Aus dem Leben eines Taugenichts von Joseph von Eichendorff (1822/23 beendet, 1823 auszugsweise Veröffentlichung, 1826 vollständige Veröffentlichung).