7 - Weimarer Klassik (1786-1832)
In der Endphase des Sturm und Drang beginnt die Weimarer Klassik. Sie verläuft zeitlich in großen Anteilen parallel zur Romantik, beginnt und endet allerdings um die 10 Jahre früher. Vorbild und Ideal dieser Epoche sind die klassischen antiken Dichter und ihre Texte.
Zum Begriff: Der Name „Klassik“ wird auf ein lateinisches Wort aus dem Steuerrecht zurückgeführt: „Classicus“. Das hieß in etwa „1. Steuerklasse“. Im heutigen Sprachgebrauch nennen wir etwas „klassisch“, wenn es uns zeitlos oder allgemeingültig erscheint.
Die deutsche Klassik als literarische Epoche wird „Weimarer Klassik“ genannt, weil das der Ort war, an dem die großen 4 (Goethe, Herder, Schiller, Wieland) lebten und arbeiteten. Ihre Texte werden als maßgeblich für die Ausbildung dieser literarischen Epoche betrachtet, gelten als Maßstab und Leitplanken. Der Name wurde der literarischen Periode erst im Laufe des 19. Jahrhunderts gegeben. Die zeitgenössischen Schriftsteller haben sich nicht „Klassiker“ genannt.
Die großen 4 werden rückblickend als Schlüsselfiguren der deutschen Klassik betrachtet. Aber Vorsicht: Diese Zusammenfassung kann dazu verleiten, dass wir annehmen, in den Werken von Goethe, Herder, Schiller und Wieland gebe es eine breite Übereinstimmung. Oder dass die vier Autoren in dieser Phase enge persönliche Beziehungen miteinander gepflegt hätten.
Dem ist nicht so. Beides nicht. Vielmehr sind die Vier einfach die prominentesten Literaten ihrer Zeit und ihrer Region.
Zur Datierung: Hier gilt mal wieder die Grundregel: Die einen sagen so, die anderen sagen so…
Variante A: Start der Weimarer Klassik ist Goethes Italienreise 1786, das Ende liegt bei Goethes Tod 1832.
Variante B: Die Weimarer Klassik fällt in die Zeit des gemeinsamen Schaffens von Goethe und Schiller, 1794 bis 1805 (Schillers Tod).
Also 1786-1832 oder 1794-1805.
Ich habe mich an Variante A gehalten, 1786-1832. Nicht weil sie mir gefiele, oder weil ich handfeste Argumente dafür hätte. Im Gegenteil: Dass diese Datierung sich auf einen einzigen Dichter beruft, wo die Epoche doch ebenso wichtige Werke anderer Dichter hervorgebracht hat, kommt mir nicht sauber vor. Ich sehe Goethe nicht als übermenschlichen Dichtergott. Eher als zeitlebens begünstigten, sozial und finanziell von vorne bis hinten gepamperten Schriftsteller, der diese überragenden Möglichkeiten mit außergewöhnlicher Bildung, sehr großem Talent und Können verband, und so ganz groß wurde.
Ich mag Variante A nicht. Aber sie scheint mir die am meisten verbreitete und angewandte Datierung zu sein. Und wer bin ich schon, dagegen anzustinken.
Mit dieser Datierung beginnt die Weimarer Klassik in der Epoche der Aufklärung. Die beiden Epochen überschneiden sich um einige Jahre. Wichtige Werte wie Vernunft, Individualismus, Humanismus und Toleranz werden nahtlos von der Aufklärung in die Klassik übernommen. Und auch mit dem Sturm und Drang überschneidet sich die Epoche. Schiller und Goethe werden als junge Männer dem Sturm und Drang zugeordnet, als reife Schriftsteller der Weimarer Klassik.
Ein Rückschritt?
Und damit sind wir auch schon bei der Frage angelangt, warum nach all den Neuerungen, nach all den jungen poetischen Konzepten seit der Aufklärung, die eine Morgenröte verhießen, jetzt auf einmal die ollen Ideen aus der Antike wieder das Ideal sein sollen.
Der Rückschritt scheint staatlich verordnet zu sein: Der Goethe-Freund Carl August, Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach, galt als der Kulturförderer seiner Zeit. In seiner Regierungszeit gab es in Weimar eine spürbare kulturelle Blütezeit. Carl Augusts Name ist eng mit der Weimarer Klassik verbunden, wie auch Goethes Name. Der Dichterfürst und der Landesfürst tun sich zusammen und geben den Takt in der Literatur an. So langweilig, wie sich das schon anhört, so langweilig wird’s dann auch literarisch, finde ich.
Im echten Leben gibt’s die Französische Revolution und die Napoleonischen Kriege. Die bekannte Ordnung wird erbarmungslos umgewälzt. Aber die Literatur soll nach den Ideen der Herren Goethe und Carl August das Ideal der Humanität widerspiegeln, soll den Menschen ästhetisch und moralisch bilden, dabei auf die antike Mythologie als Vorbild zurückgreifen, soll ethische und ästhetische Fragen diskutieren. Der Mensch in der heilsamen Natur wird zum beliebten literarischen Motiv. Die Texte spielen in der bürgerlichen Welt und drehen sich um bürgerliche, engagierte und schneidige Typen, eingebettet in die Frage, wie der Mensch sein sollte. Und die Leser*innen sollten sich anhand der Lektüre perfektionieren können.
Das menschliche Ideal der Weimarer Klassik ist das Universalgenie, das Dichtung, Musik und Naturwissenschaften gleichermaßen beherrscht. Und die Antike war für dieses Rundum-Genie die Blaupause einer perfekten vergangenen Welt.
Von den wilden Formexperimenten des emotionalen und rebellischen Sturm und Drang nimmt die Weimarer Klassik expliziten Abstand: In der Klassik wird es formstreng, geordnet und strukturiert. Einige Quellen sprechen auch von Formvollendung und Vorbildlichkeit. Bevorzugte Textsorten waren klassische antike Formen wie Ballade, Drama und Lyrik, aber auch theoretische Betrachtungen und Übersetzungen, z. B. von Shakespeare-Texten.
Draußen toben Revolution und Umwälzung. Die Ständegesellschaft geht in die Knie, der dritte Stand erkämpft sich politische Macht. Die Bürger setzen sich immer weiter von den Arbeitern und Bauern ab, gewinnen Selbstvertrauen und werden politisch mächtiger. Hier beginnt die kapitalistische Welt, in der wir heute leben. Wer gestern noch an der Macht war, könnte heute seinen Kopf verlieren. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Das ganze fest zementierte Scheißsystem geht in die Brüche. Neues kann entstehen! Wie aufregend!
Aber die deutsche Literatur mag sich lieber nicht mit dem echten, aufregenden, verheißungsvollen Leben beschäftigen. Sondern lieber mit antiken Stoffen und Formen. Meiner Meinung nach ist das glatte Arbeitsverweigerung.
Immerhin: Menschlichkeit und Tugend soll die Weimarer Klassik lehren. Das kann nie schaden. Und der Rückgriff auf die Antike ist eine sichere Bank und zudem noch herrschaftsgefällig. Dafür wirst du als Literat wohl kaum kritisiert. Sicher, aber langweilig.
Tip-Top-Superduper-Vertreter der Weimarer Klassik ist natürlich Goethe an der Seite des Fürsten. Das Top-Beispiel der Gattung ist Goethes Iphigenie auf Tauris, bei dem er den großen griechischen Tragödiendichter Euripides aufgreift. Das Ganze hat leider einen kleinen Schönheitsfehler: Goethe hatte 1779 eine Prosaversion des Textes entworfen, 1780 eine erste Versfassung, und 1786 während seiner ersten Italienreise die Versform, die 1787 in Buchform erschien. Entstehung des Textes also 1779 bis 1787 und damit deutlich vor der Weimarer Klassik (1786-1832), für die der Text ein prototypisches Beispiel sein soll.
Beispiele für die theoretischen Abhandlungen dieser Epoche sind Herders „Abhandlung über den Ursprung der Sprache“ von 1769 und Schillers Rede „Die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet“ von 1784. Auch hier gibt’s den Schönheitsfehler, dass beide Veröffentlichungsjahre vor der Weimarer Klassik liegen.
Wie gesagt, die Epochen beschreiben kein festes, zuverlässiges System. Und die angeblich prototypischen Beispiele zeigen, dass allzu exakte Datierungen zum Stolperstein werden können. Hier scheint es, als hätte man den Epochenzeitraum der Weimarer Klassik UNBEDINGT mit den Lebensdaten Goethes verknüpfen wollen. Wann tatsächlich klassische Werke entstanden sind, scheint zweitrangig zu sein.