Wenn die hohe Dame im Lada horizontal wird

Helmut Tervooren (Hg.). Gedichte und Interpretationen: Mittelalter. Stuttgart: Reclam, 1993.

Gedanken zum Tagelied (S. 144-168)

Vom Minnesang haben wir alle schon gehört, oder? Im 12. und 13. Jahrhundert widmete sich der Adel der Liebesdichtung und schuf die Lyrics für die Minnesänger.

Dichter und Sänger konnten dieselbe Person sein, waren das aber oft nicht. Schauplatz der Handlung ist die höfische Gesellschaft. Das Ich im Lied ist meist der Ritter. Er steht im gesellschaftlichen Rang unter der frouwe, der hohen Dame, und ist ihr sozial verpflichtet. Die Dame ist für den Ritter unerreichbar, und meist ist sie zudem verheiratet. Inhaltlich besingen die Lieder die Verehrung des Ritters für die hohe Dame, oft auch seine Schmerzen wegen ihrer Unerreichbarkeit; das wäre dann die Minneklage.

Das Publikum war der Hof, der Adel. Der ganze Rahmen der Minnekanzone, von den auftretenden Personen und der Szenerie, über die Vortragenden und das Publikum, bis hin zur Form (Struktur und Strophenform waren dem höfischen Publikum geläufig) und den wiederkehrenden Motiven waren: höfisch. Und das heißt: sozial und kulturell stark reglementiert. Wir bewegen uns zwischen relativ sicheren Leitplanken. Jede und jeder weiß, wo ihr/sein Platz in dieser höfischen Gesellschaft ist. Oben die unerreichbare frouwe, weiter unten der Ritter. Dazwischen die Minne des Ritters. Ein ordentlich zementiertes Konstrukt, wie’s scheint. Zwischen den gesellschaftlichen Schichten stehen harte Grenzen, die zu überschreiten undenkbar wäre.

Aber wie immer gibt es auch hier Spielverderber: So einfach ist es nicht.

Zunächst mal gab es in der Liebeslyrik neben der Hohen Minne eine bunte Vielfalt. Also auch Liebesgedichte, in denen es anders läuft, als oben beschrieben. Eine dieser Gattungen ist das Tagelied. Es heißt so, weil es den Moment des grausamen Tagesanbruchs beschreibt, wenn Ritter und Dame heimlich die Nacht miteinander verbracht haben und sich trennen müssen. Die beiden lassen sich oft von einem Wächter beschützen, der sie im Morgengrauen warnt. Der Ritter muss aufbrechen, die Dame klagt, sie lieben sich ein letztes Mal, der Ritter entschwindet.

Huhu, ein Regelbruch! Das Tabu der unerreichbaren Herrin gebrochen, Ritter und Dame profan vereinigt! Das Ideal der höfischen Liebe literarisch demontiert! Ist das noch Text oder schon Rebellion?

Nein, mir erscheint das Tagelied nicht wie ein Revolutionär, nicht wie eine Perestrojka, die das System angreift. Eher wie ein zuverlässiger Lada, der die Funktionäre auf ihre Posten bringt. Das Tagelied spielt am Hof und akzeptiert die höfischen Regeln. Hier wird nicht angegriffen oder demontiert. Hier wird höfisch gedichtet und gesungen. Hohe Minne und Tagelied sind unterschiedliche Liedgattungen mit unterschiedlichen Szenerien, die sich ergänzen: In der Hohen Minne sind Ritter und Dame durch die Minne miteinander verbunden, ein platonisches Verhältnis mit ritterlichen Tugenden auf der einen Seite und Unerreichbarkeit auf der andere Seite. Kommen Ritter und hohe Dame doch zu einem Stelldichein zusammen, so kann das wie im Tagelied nur heimlich und abseits der huote, der Tugendwächter, erfolgen. Und wenn der Tag anbricht, heißt es sich zu trennen.

Dass Dame und Ritter im Lied zusammenkommen und, hüstel, Liebe machen, ist nicht tabu, solange die höfischen Spielregeln befolgt werden. Man konnte darüber bei Hofe sogar singen! Das konnte man wirklich: An den Liedern ist nichts Derbes, nichts Anzügliches. Es geht darin um Liebe und Trennungsschmerz. Unter den Autoren finden sich große Namen der mittelalterlichen Liebeslyrik: Wolfram von Eschenbach, Heinrich von Morungen, Walther von der Vogelweide, Oswald von Wolkenstein… Es waren keine Outsider, die die Tagelieder geschrieben haben.

Wenn die hohe Dame horizontal wird, bereichert die mittelalterliche Liebeslyrik das Bild von der höfischen Kultur um eine sehr romantische Szene in der Morgendämmerung...

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