Memento mori für eine Wurst

Guy de Maupassant. Bel-Ami. Berlin: insel taschenbuch, 1977.

Georges Duroy, der Sohn einfacher Wirtsleute aus dem kleinen Canteleu bei Rouen, hat es in seiner zweijährigen Militärzeit in Algerien mit Araber-Pressen (S. 13) immerhin zum Unteroffizier und zu einem stattlichen Schnurrbart gebracht. Jetzt hängt er in Paris ab, sieht gut aus und kann auch ordentlich einen auf dicke Hose machen, hat aber einen mies bezahlten Job, bei dem er schon vor dem Monatsende pleite ist, ist ungebildet und komplett mittellos, hat aber den festen Anspruch, Geld und Macht anzuhäufen. Und Frauen will er haben. Viele Frauen. Genug Frauen.

Und all das gelingt ihm auch. Indem er Frauen ausbeutet. Als Ehefrauen, als Geliebte, als Verführte, als Mätressen.

Am Ende nennt Duroy sich »Georges du Roy de Cantel«, verfügt über das Millionenvermögen seiner jungen Ehefrau, über eine entehrte Exfrau, eine einflussreiche Position in der Presse, ist Mitglied der Ehrenlegion und wird als zukünftiger Minister gehandelt. Die einzigen Qualitäten, die unser guter Georges über 415 Seiten entwickelt, liegen im Bereich von Betrug und Täuschung. Seine Antriebskräfte: Neid und Hass. Er ist der vollendete Unsympath, aber Maupassant tut dem Leser nicht den Gefallen, Georges etwas auf die Mappe zu geben. Nein, er lässt ihn durchkommen und gewinnen.

Stattdessen gibt es für das Ende des 19. Jahrhunderts viele schlüpfrige Stellen; auch deshalb soll der Text bei den Zeitgenoss*innen so erfolgreich gewesen sein. Sex sells.

Maupassant, der 1850 in begüterten Verhältnissen geboren wurde, schuf sein literarisches Werk von etwa 1880 bis 1890. Er hat in 10 Jahren (!!) Dutzende von Novellen und sechs Romane geschrieben und gilt mit Flaubert und Balzac als einer der großen französischen Erzähler des 19. Jahrhunderts. Den Roman Bel-Ami veröffentlichte er 1885, im Alter von 35 Jahren.

Da muss er schon lange gewusst haben, dass er nicht alt werden würde, und dass das Ende nicht lustig werden würde. Der arme Maupassant hatte sich Ende der 1870er Jahre mit der Syphilis angesteckt. Daran starb er 1893, acht Jahre nach Bel-Ami. Und zwar, wie es so blumig heißt: in geistiger Umnachtung. Was heute mit Antibiotika geheilt wird, führte im 19. Jahrhundert zu einem langsamen, qualvollen Sterben in einem Höllenszenario: Ausschlag, eitrige Geschwüre, Schwellungen, Fieber, Schmerzen, Lähmungen, mehr Schmerzen, Knochenfraß, unerträgliche Schmerzen, Wahnsinn. Am Ende wird das zentrale Nervensystem zerstört.

Maupassant dürfte sich in seiner gesamten schriftstellerischen Laufbahn mit einer dumpfen Ahnung vom Tod herumgeschlagen haben. Und auch in Bel-Ami spielt der Tod eine Rolle:

Als der junge aufstrebende Duroy den alten Poeten de Varenne auf dem Heimweg begleitet, redet der, wie ich finde: sehr berührend vom Altern als langsamen Sterben, vom Vergessenwerden und von der Einsamkeit (S. 155 bis 159). Als sie ankommen schließt er mit:

„Vergessen Sie all dies greisenhafte Geschwätz, junger Mann, und leben Sie Ihren Jahren gemäß! Adieu!“

Und damit verschwand er im schwarzen Korridor.

(S. 159)

Und auch wenn Duroy nach dem Gespräch beklommen ist („Ihm war, als hätte man ihm eine Grube Totengebein gezeigt, eine unvermeidbare Grube, in die er eines Tages fallen würde.“ S. 159) so folgt er doch strikt der Empfehlung Varennes und tut genau das: Er lässt sich von den traurigen Worte des alten Mannes nicht beeinflussen. Das Memento mori perlt an ihm ab wie an Teflon. Er wird zum skrupellosen Karrieristen, der kein Problem damit hat, über Leichen hinweg zu gehen.

Als er noch aussichtlos in Paris hungert, trifft er auf der Straße seinen alten Militärkumpanen Forestier, der mittlerweile in führender Position bei einer Pariser Zeitschrift tätig ist, und die Dinge nehmen ihren Lauf. Georges wird Journalist mit einem ansehnlichen Einkommen und bekommt Zugang zur besseren Gesellschaft, bzw. zu den Frauen der besseren Gesellschaft, denen er mit seinem Schnurrbart den Kopf verdreht. Und sogar die kluge und unabhängige Madeleine Forestier, die in ihrem Salon für ihren Mann die politischen Ränke schmiedet und ihm seine Artikel in die Feder diktiert, sogar sie entwickelt eine Schwäche für Georges. Und als Forestier an einer Lungenkrankheit stirbt, hält Georges sich nicht lange damit auf, sondern übernimmt höchst pragmatisch Forestiers ganzes Leben, mitsamt Haushalt, Gattin, beruflicher und gesellschaftlicher Position, mit allem. Als ruchbar wird, dass Georges Artikel denen von Forestier verdächtig ähneln, wird Georges in der Redaktion als „Forestier“ angesprochen. Er wird wütend auf den Toten.

Das Bild Forestiers trat ihm wieder in den Sinn, besaß und beengte ihn. Er konnte nur noch an ihn denken, nur noch von ihm reden.

(S. 258)

Er bedrängt Madeleine: Ob sie Forestier betrogen habe? Sie antwortet nicht. Er schließt daraus: ja. Oder nein? Sicher kann er nicht sein…

Er war einfach eifersüchtig, auf den Toten, auf Forestier, eifersüchtig in seltsam beklemmender Weise, in die sich plötzlich Haß gegen Madeleine mischte. Wie konnte er ihr trauen, wenn sie den anderen betrogen hatte?

(S. 259)

Besser fühlt er sich erst, als er ein Date mit einer Mätresse ausgemacht hat. Noch besser, als er die Schuldigen für sein Gefühlselend festlegen kann:

Allmählich beruhigte er sich einigermaßen, wehrte sich gegen den Schmerz und dachte: „Alle Frauen sind Huren, man soll sie benützen und sich ihnen nicht ausliefern.“

(S. 259f)

Welch eine Wurst.

Maupassant soll sich damit gerühmt haben, Frauen zu verachten und nie verliebt gewesen zu sein. Und er nannte sein Segelboot „Bel-Ami“. Welch eine Wurst.

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