Adel des Handwerks

Ken Follett. Eye of the Needle. London: Pan Books, 2009. (Deutsch: Die Nadel)

Viele kennen die Story vielleicht aus dem bekannten Film von 1981 mit Donald Sutherland in der Rolle des fiesen deutschen Agenten: Henrik Rudolf Hans von Irgendwas-Trallala, aka Henry Faber, ein messerscharfer deutscher Agent mit messerscharfen preußischen Qualitäten, entdeckt 1944 dass die Alliierten sein Heimatland übertölpeln wollen. Der Kriegsausgang steht auf dem Spiel. Und dabei geht es nicht um ein symbolisches Gewinnen oder Verlieren. Es geht um einschneidende Konsequenzen: Wer wird nach dem Krieg seine Mentalität durchsetzen? Die Nazis oder die Alliierten? Wer verliert welche Ländereien an wen? Wer zahlt wem welche Reparationen? Bleibt von Deutschland nicht mehr übrig als ein armseliger Bittsteller oder wird Deutschland Europa unterjochen?

Es geht um die geplante Invasion der Alliierten in Frankreich 1944. Die Handlung dieses Agententhrillers spielt kurz vor der Invasion, die, wie wir heute wissen, in der nordfranzösischen Normandie östlich von Cherbourg am 6. Juni 1944 begann. Danach wird es bis zum tatsächlichen Ende des Krieges in Europa noch ein knappes Jahr dauern: Die Wehrmacht kapituliert am 8. Mai 1945.

Die Invasion der Alliierten hat den Zweiten Weltkrieg nicht im Handumdrehen beendet. Auf beiden Seiten der Fronten haben bis zum Kriegsende noch unzählige Soldaten ihr Leben verloren, wurden abertausende Zivilist*innen vertrieben, vergewaltigt, getötet. Aber die Invasion war der Anfang vom Ende des Krieges in Europa. Nicht auszudenken, wenn sie missglückt wäre…

Dass eine Invasion bevorstand und den Deutschen eine vorherige Truppenmassierung in Großbritannien

(Wo sonst? Russland und die USA waren für eine Bodeninvasion zu weit entfernt und die deutsche Besetzung Frankreichs wird erst enden, wenn Paris im August 1944 befreit wird…)

nicht verborgen bleiben würde, war klar. Also entwickelten die Alliierten ein großangelegtes, durchkonzertiertes Täuschungsmanöver, die Operation Fortitude. Den Deutschen wurde vorgespielt, dass die Invasion etwa 500 km östlich von Cherbourg in Calais starten würde. Im Roman entdeckt der fiese Faber, dass in Südengland eine ganze Schattenarmee für die deutsche Luftaufklärung bereitsteht: Dächer und Filmkulissen imitieren Gebäude und ganze Heere von Flugzeugen aus Sperrholz präsentieren sich den deutschen Luftaufklärern. Faber sieht das, versteht die ungeheure Wichtigkeit für Deutschland, fotografiert die Szenerie und schickt sich an, vor der schottischen Ostküste ein deutsches U-Boot zu treffen, das ihn nach Hause bringen soll, wo er den Film Hitler persönlich übergeben will.

Während er sich anschickt, das U-Boot zu treffen, schickt sich das britische MI5 an, ihn und die Fotos abzufangen, damit die lang und sorgsam vorbereitete Invasion nicht platzt.

Es kommt zum Wettrennen. Faber stiehlt und mordet sich durch bis Aberdeen, das MI5 auf seinen Fersen. Er stiehlt ein Boot, gerät in einen furchtbaren Sturm, kentert und rettet sich auf die kleine Insel Storm Island, auf der nur ein junges Ehepaar mit Kind und ein alter Schafhirte leben. Er wird aufgenommen. Es kommt zum Äußersten zwischen Faber und der vernachlässigten Lucy, der hinreißend schönen jungen Ehefrau und Mutter. Faber wird von David, Lucys Ehemann, enttarnt und tötet ihn, so wie er alle tötet, die im Wege stehen. Er tötet den Schafhirten und will das U-Boot anfunken. Es kommt zum Showdown: Lucy hält Faber auf, hackt ihm zwei Finger ab, stört seinen Funk mit dem U-Boot und tötet ihn am Ende mit einem Steinwurf, als er die Klippe herunterklettert, um zum U-Boot zu schwimmen. (Hört sich ohnehin nach einer blöden Idee an. Was machst du, wenn du da bist? Anklopfen? Von dem tauchenden Boot mit runtergezogen werden?) Der fiese Faber soll übrigens laut Roman sehr schnittig aussehen und ist, nachdem er Gefühle für Lucy zulässt, kein lupenreiner Fiesling mehr. Sondern wird menschlicher.

Das Buch ist aus. Faber ist tot, die Operation Fortitude ist gerettet, die Invasion kann starten.

 

Das hat Spaß gemacht! Follett schreibt spannend, recherchiert gut und hat seine Story in einen, wie ich finde, relevanten historischen Kontext eingebettet.

Freundlicherweise nutzt er eine allgemeinverständliche Sprache, was für einen weltweiten Bestsellerautor vermutlich auch eine empfehlenswerte Strategie ist: Deine Bücher werden nicht kurz nach dem Erscheinen in Dutzende Sprachen übersetzt, und sie sprechen auch kein breites internationales Publikum an, wenn du dich sprachlich in hoch elaborierten ästhetischen Experimenten ergehst. Folletts verständlicher Text hat auch den Vorteil, dass er in Originalsprache sehr gut lesbar ist. Man braucht nicht dreimal pro Absatz im Wörterbuch nachzuschlagen.

Ja, ich weiß. Wer für eine breite Leserschaft und international verständlich schreibt, wer nicht für elitäre Grüppchen schreibt, sondern für ein breites Publikum, der oder die kommt ganz bestimmt in den Ruch, Bestseller produzieren und Geld verdienen zu wollen. Igitt.

Follett gibt sich nicht den Anschein, von mythischen Musenküssen inspiriert zu werden. Er macht seine Arbeit. Er nutzt ein Team. Er lässt recherchieren. Er liefert pünktlich erfolgreiche Bücher. Er ist ein verdammt guter Handwerker mit drei Ehrendoktortiteln und vielen namhaften Auszeichnungen. Er ist ein literarischer Sir Handwerker.

 

Punkte, die ich mir beim Lesen notiert habe:

  • S. 303: Das Bild von der deutschen Sprache

Als Faber auf Storm Island klar wird, dass er den Sturm überlebt hat und es immer noch zum U-Boot schaffen kann, erlaubt er sich kleine Träumereien von der Heimat., z. B. diese:

Now that he was so close to getting out, his memories of home became quite painfully sweet. He thought of quite silly things, like sausages fat enough to eat in slices, and motor cars on the right-hand side of the road, and really tall trees, and most of all his own language – words with guts and precision, hard consonants and pure vowels and the verb at the end of the sentence where it ought to be, finality and meaning in the same climatic terminal.

  • Der Begriff „intelligence“, z. B. S. 318

Hat im Englischen Bedeutungsfacetten, die es im Deutschen nicht hat.

Wie im Deutschen bedeutet es: Verstand, Klugheit, Einsichts- u. Auffassungsvermögen.
Außerdem und anders als im Deutschen: Aufklärung, Geheimdienstinformation/en, Information/en, Nachrichten

Die Facette »Information/Neuigkeit« ist laut etymologischem Online-Wörterbuch (https://www.etymonline.com/) seit Mitte des 15. Jahrhunderts belegt, die Facette »geheime Informationen von Spionen« ab den 1580ern. Und wenn man in den gängigen Suchmaschinen nach „england 1580 spionage“ sucht, scheint es, als wäre zu der Zeit in England einiges spionagemäßiges los gewesen. 1580 soll Shakespeares Zeitgenosse Christopher Marlowe, großer elisabethanischer Dramatiker, der mit 29 Jahren erstochen wurde, als Agent für den Vorläufer des englischen Geheimdiensts angeworben worden sein.

Es gibt dazu übrigens eine lustige Verschwörungsgeschichte, die »Marlowe-Theorie«: Marlowe soll 1593, als er wegen Hochverrats angeklagt war und die Todesstrafe fürchten musste, seinen Tod vorgetäuscht und danach unter Pseudonymen weitergeschrieben haben. Eines dieser Pseudonyme soll »William Shakespeare« gewesen sein.

Sowas kommt raus, wenn man nach „intelligence“ recherchiert…

 

Noch was zum Film:

Wie viele andere gucke ich den Film nach Möglichkeit erst, nachdem ich das Buch gelesen habe. Wenn ich erst den Film sehe, muss ich beim Lesen gegen die Bilder kämpfen. Das ist mir zu anstrengend. Nach der Lektüre von Eye of the Needle wollte ich mir noch den Film geben. Nach 10 Minuten habe ich ausgeschaltet. Es war Sutherlands Oberlippenbart, der mich hat aussteigen lassen. Mein Faber ist glattrasiert. – Das machen Bücher. Du schnappst dir eins, und in deinem Kopf wird der Text deiner.

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