Geheimnisse an der Plaza de Mina

‍Karl Thoennissen. Die Metamorphen von Cádiz. Roman. Cádiz: Karl Thoennissen, 2026.

‍Cádiz ist eine herausragende andalusische Stadt. Eine von der Meeresbrise verwöhnte Schönheit. So elegant, so weiß, so fein und schnieke. So geheimnisvoll und voller Geschichten: Historische Geschichten von Phöniziern, Karthagern und Römern, Geschichten von der Seefahrt, vom Garum, der römischen Würztunke aus fermentiertem Fisch. Geschichten von Bedrohung und Not, von Angriffen aus allen Richtungen, von der See und vom Land, von fremden Seemächten, von Wikingern und Piraten. Und es gibt die Geschichten von fernen Riten, versunkenen Tempeln, vergangenen Heiligtümern, von der maurischen Invasion und der Rückeroberung, Geschichten vom brummenden Seehandel, von Reichtum und Blüte. Von der ersten spanischen Verfassung. Geschichten aus der Geschichte der ältesten Stadt Westeuropas.

‍Eine Stadt, die vor historischen Stätten nur so überzuquellen scheint, und in der manch kulturell und kulinarisch interessierter Mensch sich verlieren und auflösen möchte.

Und dieser Stadt hat jetzt jemand eine weitere Geschichte gewidmet: Die Metamorphen von Cádiz. In dieser Geschichte wird das alte, mystische Cádiz am verwunschenen Kragen gepackt und in die grell ausgeleuchtete Welt gezogen, in der wir heute leben: Eine halb-digitale Welt, in der echte Menschen echte Dinge tun und echte Gefühle erleben, weil ein paar (okay, ziemlich viele) Pixel auf einem Smartphone-Monitor in einer bestimmten Weise angeordnet sind. Texte bilden oder Bildaufnahmen wiedergeben, oder was Pixel halt so tun.

‍Aus einer solchen hell beleuchteten modernen Realität führt uns Karl Thoennissen, der Autor der Metamorphen, in ein dunkles, morbides, geheimnisvolles Cádiz, in eine verwunschene Welt, die er in impressionistisch-groben Strichen so fein andeutet, dass wir sie nur erahnen können, aber dennoch deutlich spüren, und die daher umso packender ist.‍ ‍

Er erzählt eine Geschichte von US-amerikanischen Schülern und Schülerinnen, die für einige Wochen eine Sprachschule in Cádiz besuchen. Natürlich sind sie digital voll ausgestattet und erkunden die Stadt mit Hilfe der Karten auf ihren Smartphones, zum Beispiel die Plaza de Mina oder den Torre Tavira, wo früher ein einsamer Wächter die Stadt vor eindringenden Seefahrern beschützte und heute eine Camera Obscura besichtigt werden kann.‍ ‍

Mit von der Partie sind zwei Cousins und ihre beste Freundin. Einer der Cousins bringt sich in eine aufregende, aber, wie sich herausstellen wird, brandgefährliche Situation. Er verfängt sich in einem digitalen Ködersystem, das es auf Jungen seines Alters abgesehen zu haben scheint. Eine unheimliche Macht aus der alten Schicht der Stadt will ihn beschützen, und stößt seine Freunde mit der Nase darauf. Dann kommen die Geheimnisse, das Lügen und Tuscheln. Und um jede Ecke blitzt die uralte Geschichte der geheimnisvollen Stadt.‍‍‍

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Die Geschichte hat mich komplett gefangen. Erst wollte ich rausfinden, was da gespielt wird, dann, wer da überhaupt spielt, dann, warum das Ganze. Und immer, wenn ich dachte, einen Punkt weiter zu sein, wurde der Sog stärker und stärker, die Geschichte wirbelte meine gefühlte Überlegenheit um, und ich fand mich bei Punkt eins wieder: Was wird da gespielt?

Und ganz en passant macht Thoennissen noch die Geschichte um die nebulöse Lehrerin auf. Sie spielt offensichtlich eine wichtige Rolle bei den Metamorphen. Metamorphen? Jedenfalls tauchen in Cádiz und in Thoennissens Geschichte Lebewesen auf, die gar nicht da sein dürften, jedenfalls nicht in einem so westlichen, realistischen, digital durchfluteten Kontext. Nun sind sie aber da und du, Leser, Leserin, wunderst dich nicht einmal. Denn diese Wesen fügen sich so nahtlos ein, so natürlich und elegant, dass du dich nicht stößt.

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So ist das, wenn ein Autor dich komplett in der Hand hat.

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Ich habe gelesen und gelesen, die Spannung fühlte sich schon ungesund an – und ich werde hoffentlich bald weiterlesen. Denn da, wo ich auf die ganz große Auflösung hinfieberte, fand ich die Erkenntnis: Es ist Band 1 einer Reihe.

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Wie wir Angefixten sagen: Mehr, mehr, mehr!‍

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