Gedanken zum Stasi-Museum

Heute das Stasi-Museum besucht. Es ist im Gebäude des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) untergebracht.

(Keine Bürokratie ohne Abkürzungen, siehe https://www.dokumentationszentrum-schwerin.de/spurensuche/abkuerzungsverzeichnis.)

Erbaut 1960/61. Hier saß Erich Mielke bis November 1989 als Minister für Staatssicherheit.

Die Museumstour führt vorbei an skurrilen Überwachungstools, wie geheime Kameras in Vogelhäusern und Mikrofone in Gießkannen, um die Friedhofsgespräche belauschen zu können. (Wie weit unten muss man angekommen sein, wenn man die intimen Gespräche trauernder Menschen an den Gräbern belauscht?) Und die Tour führt durch die Diensträume Mielkes, die im Originalzustand erhalten sind. Sein Büro, die Vorzimmer, Besprechungsräume, ein Speiseraum, ein Ruheraum, eine Küche. Dazu einige Fotos von Stasimitarbeitenden bei der Arbeit, beim Bespitzeln und Aushorchen. Da wabert dich ein unsäglich dumpfer Mief von Bürokratie und Engstirnigkeit an. Und ich fühlte mich an den Film „Die Wannseekonferenz“ von 2022 erinnert, der die bürokratische Banalität des Bösen ausleuchtet. Und ich dachte, dass die DDR die Drangsalierung der Bevölkerung unter den Nazis lückenlos fortgeführt hat.

Nazi-Regime und kommunistische Diktatur der DDR: beides Sprösslinge der Familie „Totalitäres System“. In dieser Familie werden alle Lebensbereiche der Bürger*innen kontrolliert und gesteuert. Jede Form des Widerstands wird unterdrückt. Zensur ist Pflicht.

Erich Maria Remarque entwirft in seinem Roman Der Funke Leben (1952) ein eindrückliches Bild von der fiesen Verwandtschaft von Nationalsozialismus und Kommunismus: Die Geschichte spielt in einem KZ kurz vor der Befreiung. Häftling 509 und Werner, ein Mitglied der kommunistischen Untergrundbewegung des KZ, diskutieren, wie die Welt aussehen würde, wenn die Kommunisten an die Macht kämen. Werner gibt ohne Scham zu, dass es nicht lange dauern würde, bis er den Häftling 509 in einem Arbeitslager inhaftieren oder erschießen würde, und dass die Kommunisten dasselbe Konzentrationslager nahtlos weiterführen könnten. Jedoch nennt er es nicht Grausamkeit, sondern Notwendigkeit. (Erich Maria Remarque. Der Funke Leben. Roman. In der Originalfassung mit Anhang und einem Nachwort herausgegeben von Thomas F. Schneider. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2018. S. 405-409.)

In der DDR war bis Ende der 80er Jahre also ein menschenverachtender Kontrollapparat am Werk, der die Bürger*innen schikaniert hat. Und nach der Wiedervereinigung? Da wurden die Stasi-Mitarbeiter*innen geprüft. Obwohl sich Deutschland für sein gründliches Vorgehen einen internationalen Namen gemacht hat (lasst uns hier lieber nicht in die Details gehen), wurden die Stasi-Mitarbeiter*innen in standardisierten, oberflächlichen Verfahren flott durchgecheckt. So gings schneller. Und Deutschland hat es wiederum geschafft, den alten stinkenden Sumpf nicht auszuräuchern, sondern sich das wertvolle Knowhow zu erhalten. So wie unsere Gesellschaft auf einem faulen Fundament steht, an dem voll rehabilitierte NS-Täter in Scharen mitgebaut haben, so haben wir auch mindestens 17.000 Stasi-Mitarbeiter in den Öffentlichen Dienst übernommen. Natürlich voll alimentiert. Es gab und gibt vermutlich immer noch Stasi-Leute im Bundeskriminalamt, in den Landeskriminalämtern, im Polizeidienst. Und das ist bekannt und akzeptiert.

Ernsthaft: Wir haben die Täter*innen nicht verfolgt, sondern in den Beamtendienst übernommen. Dahin, wo du im Ruhestand finanziell so fein ausgestattet wirst, wie du es in vergleichbaren Positionen in der freien Wirtschaft nicht erarbeiten kannst. Wir zahlen heute noch fette Renten an Stasi-Leute. (Eine Medizinische Fachangestellte bei meinem Hausarzt, früher »Arzthelferin«, arbeitet trotz Verrentung weiter. Sie hat ihr Leben lang in Vollzeit gearbeitet, in die Rentenversicherung eingezahlt und nebenher zwei Kinder aufgezogen, aber die Rente reicht zum Leben nicht aus. So viel zu den Themen Gleichberechtigung und Gerechtigkeit. Kein Wunder, dass sich manche in Deutschland ziemlich verarscht vorkommen.)

Noch was zum Stasi-Museum:

Einerseits ist diese Welt der Überwachung und Denunziation etwas, was wir instinktiv weit von uns wegschieben: Das waren die Anderen, die Bösen, lange her, guck mal das Telefon, grusel grusel, kicher kicher. Und doch kam mir vieles so bekannt vor: Resopal-Schranktüren, Cocktailsessel, bunte geknüpfte Kissen, hölzerne Büro-Einbauschränke… Und mich beschleicht die Ahnung, dass das alles sooo weit weg nicht ist. Dass vielleicht etwas vom Denunzianten in uns allen steckt, im freundlichen Nachbarn, im netten Brotverkäufer, in der charmanten Kioskdame an der Ecke, in mir…

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