Blick von außen

Michel Friedman. Fremd. Berlin/München: Piper, 2013.

Die Textform von Fremd ist keine Prosa. Es sind 168 Seiten mit meist kurzen Versen, oft eher Gedankenfetzen als ganze Sätze. Kein ordentlicher Aufbau mit Subjekt, Prädikat und Objekt. Keine Reime. Viele Satzzeichen. Ein Beispiel:

Es war nicht mein erstes Ausländeramt.

Es fing in Paris an.

Préfecture de Paris.

Klassizistischer Bau,

Innenhof.

Schwere,

drei Meter hohe

Eingangstüren.

Meine Mutter und ich,

ihr fünfjähriger Sohn.

Hand in Hand.

Ihre zitterte,

meine schwitzte.

(S. 17f)

Es ist keine Prosa, aber auch keine glasklare Lyrik. Man könnte die Form als atonales Langgedicht beschreiben. Oder als stream of consciousness, wenngleich der Begriff meist mit Romanfiguren in Verbindung gebracht wird. Der Friedman macht’s dir nicht leicht, dachte ich.

Jetzt hatte ich Fremd einmal da liegen und habe also mit dem Lesen begonnen. Und ehe ich mich umschaute, waren die 168 Seiten weggelesen. Und es zeigte sich: Der Friedman macht es dir ganz leicht, ihm näherzutreten.

Der Text erzählt vom Gefühl der Fremdheit. Die Fremdheit eines Kindes aus einer jüdischen Familie ohne gültigen Pass, ohne Staatsangehörigkeit. Die Fremdheit eines Kindes von Auschwitz-Überlebenden, die sprachlos und freudlos hinter dem Leben der anderen zurückblieben. Die Dissoziation eines jüdischen Kindes im Täterland. Aus dem Kind wird ein Erwachsener, die Dissoziation bleibt.

Zwei Themen greife ich heraus: Ohne Stempel kein Mensch, und: Deutsches Schweigen.

 

Ohne Stempel kein Mensch

In Fremd ziehen deutsche Behördenstempel klare Grenzen zwischen „Wir hier drinnen“ und „Ihr da draußen“:

Einmal im Jahr einen Stempel.

Angstbehörde.

Illegal.

Legal.

Ein Stempel.

Unser Flüchtlingspass,

in deutscher Sprache.

Schlange stehen

im Land der Mörder.

(S. 21)

Das erlebt nicht nur die Familie Friedman, das erlebt auch Inek, ein starker Mann mit Angst und Alpträumen:

Da steht er nun,

wartet auf den Stempel.

[…]

Dieser verfluchte Stempel,

der ihm Angst macht,

der ihn klein macht,

der ihn zum anderen macht,

der ihm die Tür verschließt

zum Wir.

[…]

Der Stempel,

der ihn zum Bittsteller werden lässt,

wofür er sich hasst.

Geduckt.

Klein.

(S. 25)

Autsch. So fühlt sich das also an, zu den Anderen zu gehören, ein Fremder zu sein.

Die Stempel erinnern mich an die Papiere bei Remarque: In Remarques Flüchtlingsromanen sind es Papiere, die über drinnen und draußen entscheiden, z. B. in Liebe Deinen Nächsten, einem Gegenwartsroman über das Schicksal der Menschen, die aus Deutschland geflohen waren, in den anderen Ländern nicht aufgenommen wurden, als »Illegale« über die Landesgrenzen gehetzt wurden und nirgendwo ankommen durften. Die Flüchtenden bemühen sich zutiefst verzweifelt und meist erfolglos um Papiere, Ausweispapiere, Ein- oder Ausreisegenehmigungen, Aufenthaltsgenehmigungen, Arbeitserlaubnisse, Bürgschaften, Visa… Wer keine Papiere hat, wird zur letzten Grenze zurückgeworfen, dort festgesetzt, zur vorigen Grenze zurückgeworfen und so weiter. Oder man kommt durch bis zur nächsten Grenze, und dann wieder von vorne. Oder wird nach Deutschland zurückgeworfen, was das Ende der Reise sein könnte. Oder man wird zwischen den Grenzen aufgerieben… Jedenfalls ist der Mensch ohne Papiere kein vollwertiger Mensch, vielleicht sogar gar kein Mensch, jedenfalls ein Mensch ohne Menschenrechte.

Die Flüchtenden bei Remarque sind entwurzelt, haben ihre Heimat verloren und sind ohne Papiere auch ohne Identität. Und deshalb haben mich die Fremden bei Friedman auf Remarques Flüchtende gebracht: Auch die Fremden bei Friedmann sind um ihre Identität gebracht: Sie sind auf der Suche nach einem Stempel, der sie von Bittenden zu Geduldeten aufwertet. Immer noch keine*r von uns. Nur geduldet. Autsch.

 

Deutsches Schweigen

In Fremd geht es auch um das Schweigen in Deutschland: Michel Friedman kommt mit 10 Jahren nach Deutschland, wohin die Familie aus Frankreich umsiedelt. Dem Täterland ist nichts anzumerken.

Was hatte das Kind erwartet?

Gefangene?

Weggesperrte? Monster?

Eingesperrte Verrückte?

Wieso waren all diese Menschen frei?

Wieso sprach niemand über das Verbrechen?

Wieso gab es nirgends Spuren?

(S. 32)

Ja. Wie ist denn eigentlich die öffentliche Kommunikation heute? Wie wird das Thema NS und die deutsche Schuld medial vermittelt? – Es laufen beispielsweise vor allem nachts viele Fernsehsendungen über den zweiten Weltkrieg und über die Nazis. Wohlgemerkt: Nicht „Wir Deutschen im NS“, sondern „Die Nazis“. Als ob sie als Fremdkörper aus einer anderen Welt gekommen wären und mit der deutschen Bevölkerung wenig zu tun gehabt hätten.

Es will heute niemand mehr wissen, und schon in den 50ern wollte es niemand mehr wissen, aber welche Gründungsmitglieder unser politischen Parteien waren vorher Mitglieder in der NSDAP, der SS, der SA, der Hitler-Jugend, dem Bund Deutscher Mädel, der NS-Frauenschaft? Welche Richter haben Mordurteile gesprochen und richteten nach dem Krieg wie selbstverständlich weiter, als seien sie respektable Juristen? (Der Mordrichter Fränkel hatte es 1962 sogar zum Generalbundesanwalt gebracht. Als er aufflog, wurde er nicht ins Loch gesteckt, sondern mit einer satten Beamtenpension in den vorzeitigen Ruhestand versetzt. So großzügig ist Deutschland. Juhu.) Welche Kirchenmänner haben Folterer, Mörder und Massenmörder über die »Rattenlinien« aus Europa herausgeschafft und vor den Alliierten „gerettet“? Welche Lehrer und Hochschul-Lehrer waren im NS-Deutschen Studentenbund oder im NS-Deutschen Dozentenbund organisiert und haben das „Dritte Reich“ in Schulen und Universitäten vorbereitet?

Und warum haben wir diese Leute in der Nachkriegszeit ihre Tätigkeiten wieder aufnehmen lassen, als wäre nichts geschehen? Nazi-Lehrer durften bis in den 60ern die Kinder prügeln. Nazis waren an der Gründung unserer politischen Parteien beteiligt. Nazis nahmen die Beichte ab und predigten moralisches Verhalten. Egal, wo du hinschaust: Die Braunen sind da.

Und warum wundern wir uns heute über den Antisemitismus, die Xenophobie, die Queerfeindlichkeit und den Frauenhass in unserer Gesellschaft, wenn unsere Verwaltung, Justiz, Politik und die Kirchen auf einem angefaulten Grund errichtet sind? Die Fäule wird ignoriert oder marginalisiert oder verleugnet. Wundern wir uns nicht: Was da stinkt, hätten wir vernichten sollen, statt nur ein bisschen Erde und Laub darüber zu werfen…

 

Stellen, die ich angestrichen habe:

  • Der Text ist offensichtlich autobiografisch. Das kurze Vorwort (S. 7) und einige Details deuten darauf hin, z. B. die Rettung der Eltern durch Oskar Schindler. Trotzdem vermeidet Friedman das „Ich“ und redet von sich selbst als „das Kind“, später als „das erwachsene Kind“.

Einer, der die Dissoziation als natürliches Lebensgefühl mit sich herumträgt, tut sich vermutlich schwer mit dem „Ich“. Und es erzeugt eine schützende Distanz, in der dritten Person auf sich selbst zu schauen. Wer wie Friedman über das Schwarze schreibt, über Hass, Bösartigkeit, Leid, Angst, Einsamkeit, der hat 1001 Grund, einen Abstand zwischen sich und der schwärzesten Schwärze einzubauen.

Dazu fällt mir als prominentes Beispiel der Text ein, den Jan Philipp Reemtsma 1997 über seine Entführung veröffentlichte, Im Keller. Auch hier kein „Ich“. „Er“ wurde im Keller eingesperrt und wochenlang festgehalten. (Übrigens ein sehr lesenswerter Text von einem klugen, gebildeten und menschenfreundlichen Mann.)

  • Transit: Durchreise einer Person durch fremdes Territorium, S. 38:

Wer bin ich?

Immer noch auf der Suche.

Immer noch ohne Antwort.

Ein ich im Transit.

  • Was Bücher können auf S. 42:

Bücher.

Bücher, meine Wunderwelt.

Meine Traumwelt.

Mein Fluchtraum.

Lesen: Mein Schutzraum

vor einer feindlichen Welt.

Bis heute.

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Klein Erna