Klein Erna

Klein Erna. Ganz dumme Hamburger Geschichten. Nacherzählt und gezeichnet von Vera Möller. Eine Ausgabe für den Bertelsmann Lesering von (wahrscheinlich) 1950.

127 Seiten auf 10x15 cm, nur ein kleines Büchlein. Ein hübsches kleines Hardcover mit moosgrünem ledernen Buchrücken. Meine Tante Anna hat es mir als Kind geschenkt. Meiner Erinnerung nach hat sie es bei einer Hamburg-Reise gekauft. (Vermutlich nur ein Erinnerungsspuk. Viel wahrscheinlicher ist, dass Tante Anna Mitglied im Bertelsmann Lesering war und das Büchlein im Rahmen ihres Abonnements zugesandt bekam.)

Das Buch sammelt um die 150 Klein-Erna-Witze in kleinen pointierten Anekdoten aus dem Leben von Erna Pumeier und ihrer Familie als einfache Hamburger Leute in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Es geht meist um alltägliche Themen wie Schule, Arztbesuch und erste Liebe, aber manchmal auch um Schmakazien wie die Heimkehr des Vaters aus der Kriegsgefangenschaft.

Mir sind beim Lesen zwei zentrale Themen aufgefallen: der Tod und die Kultur.

Eigentlich nicht „der Tod“, sondern „die Alltäglichkeit des Todes“. Denn der Umgang mit Sterben, Tod, Beerdigung und Grab ist tiefenentspannt und pragmatisch: Frau Kripgans zum Beispiel klagt in „Ihr Pech“ darüber, dass ihr Mann, „der Idiot“, kurz vor dem Zusammenstoß mit einem Baum aus dem Omnibus gesprungen ist. Wäre er, wie der Mann von Frau Pingel, schön sitzen geblieben, wäre er „auf’n Schlag tot!“ und die Versicherung hätte der Witwe ein feines Leben finanziert. Mist halt. Oder die Cholera, ha ha: Die ganze Familie Pumeier stirbt, aber es gibt nur Geld für zwei Särge. Was tun mit Erna und Bubi? „Tante Frieda aus Schwaazenbek“ hat die rettende Idee: „Klein Bubi kam zu Mamma und Klein Erna in Tüte oben auf!“ („Die Seuche“) Und als „Klein Erna ihr Opa“ für die letzte Ruhe aufgebahrt werden soll, will das Käppi, das ihn so lebensecht aussehen lässt und partout nicht halten will, mit einem „klein Tapeziernagel“ auf Opas Glatze festgetackert („Pietät und Takt“). Onkel Emils Asche wird benutzt, um bei Glatteis den Gehweg zu streuen („Pietät“). Und Witwe Pingel erzählt davon, wie sie im Rathaus für ihre drei Kinder Unterhalt beantragt und der Beamte ihr vorrechnet, dass ihr Mann schon zwei Jahre vor der Geburt des ersten Kindes tot war. Darauf die Witwe: „Pah, sachich, der ist tot, schawohl, aber ich lebe doch noch!“ („Die Witwe“) So ist das mit dem Tod bei Klein Erna.

Und mit der Kultur ist es so: Die Pumeiers haben ein Abonnement für Oper und Theater, und sie gehen hin. Aber sie finden keinen Zugang zu den Stücken, die sie ansehen. Faust: „kein Sinn in“ („Faust“). Außerdem: „is’n Luststück!“ („Die Tragödie“) Und, oh Schreck, es reimt sich: „Gitt, Verse!“ („Goethe“) Bei Wagner kann man gut stricken, denn „das büschen Musik da vorne stört mich gaanich!“ („Lohengrin“) – Hier wird über die ungebildeten Leute gelacht, was langweilig wäre, aber die fühlen sich in ihrem Pragmatismus und ihrer Unwissenheit anscheinend ganz wohl und zeigen der Hochkultur den ungewaschenen Stinkefinger. Und das ist dann doch wieder ganz fein.

 

Und dann gibt es da noch Klein Bubi, die arme Sau.

Klein Ernas jüngerer Bruder heißt Klein Bubi und ist, wie gesagt, eine arme Sau. Schon der Name! Klein Bubi! Eine doppelte Verkleinerung! Ein Doppel-Diminutiv! DD wäre als BH-Größe beeindruckend. Als Name macht es dich klein, kleiner, winzig. Neben dem doofen Namen gehört zu seinem Startkapital fürs Leben, dass er aus minderwertigem Material zusammengeklöppelt wurde. Das sagt jedenfalls Frau Pumeier, als sie bei Klein Bubis Lehrerin um Nachsicht für ihn bittet, denn er „taugt ja überhaupt gaanix“: „er ischa man so’n klein Nachkömmling, da waren die Zutaten denn nicht mehr so!“ („Klein Bubi in Schule“)

Bei dem Namen und den Zutaten hat Klein Bubi es natürlich schwer. Aber nicht lange. Denn Klein Erna tötet ihn noch als Kleinkind, und zwar mehrfach: Beim Spaziergang am Meer lässt sie ihn ertrinken: Sie hält ihn an der Hand und geht mit ihm ins tiefere Wasser, bis nur noch ihr Kopf aus dem Wasser rausschaut. Aber Klein Erna hat schön Mammas Weisung befolgt: „Klein Erna, halt Klein Bubi immer schön fest an Hand, und lass ihn nicht los!“ (An de Nordsee) Auch eine Dampferfahrt mit Schwester und Mutter überlebt Bubi nicht: Dass er „bei Neumühlen“ ins Wasser fällt meldet Erna erst, als sie in Blankenese ankommen. „Mamma: »Dummes Göhr, muscha gleich sag’n!«“ („Die Dampferfahrt“). Beides könnte Bubi vielleicht noch überlebt haben. Aber der dritte Anschlag auf sein Leben ist nach dem Fund der Leiche unbestreitbar erfolgreich gewesen: Klein Erna nimmt Klein Bubi mit in den Keller, um für Pappa eine Flasche Bier zu holen, und setzt Bubi dort auf die Fensterbank, „damit er da unten nix kaputt macht“. Leider vergisst sie ihn, und auch Mamma und Pappa vergessen, dass sie mal einen Sohn hatten. Eine Woche später, „als Pappa mal wieder ne Flasche Bier trinken will“, finden sie Bubi auf der Kellerfensterbank: „Nur schade, daß er schon ganz grün und verschimmelt ist… und garnich mehr zu gebrauchen!!!“ („Im Keller“).

Arme Sau.

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Ein Ire als Lehrer in New York