Leben und Überleben

Rüdiger Nehberg. Mit dem Baum über den Atlantik. »The Tree« und andere Abenteuer. München: Piper, 2008.

Das Buch habe ich richtig gerne gelesen. Es hat alles, was ein Buch haben sollte: Es ist spannend, berührend, lustig und auf eine praktische Art lehrreich.

Nehberg hat mich einmal gerettet. Nicht vor dem sicheren Tod, aber vor einem unüberschaubaren Wald, der drohenden Dunkelheit und einem männlichen Teenager auf einer Enduro, der immer wieder auftauchte und, so weit meine Spanischkenntnisse mich nicht trügen, mir damit drohte, mich mit verschiedenen Gegenständen anal vergewaltigen zu wollen. Er war ein pickliger Angeber und ich habe keine Ahnung, wie real die Bedrohung war, aber es war eine unangenehme Situation. Ich, am späteren Nachmittag allein auf dem Jakobsweg, irgendwo zwischen Muxía und Finisterre, hatte mich mal wieder verlaufen, diesmal ernsthafter als sonst. Seit längerem hatte ich keine anderen Menschen mehr gesehen, außer dem Endurofahrer, der gelegentlich auf dem Wanderweg auftauchte und mir Angst machen wollte. Sah aus wie ein verwöhnter, übergewichtiger 16jähriger auf seinem schicken Geburtstagsgeschenk, aber wer weiß. Wo lang geht’s also zurück auf den Weg? Ich hatte vorher Nehberg gelesen und der empfahl, sich einen Fixpunkt zu suchen (freistehender Baum), den zu markieren (Schal) und von da aus mit einem Kompass (am Start!) sternförmig eine begrenzte Strecke zu erkunden. Wenn da keine Straße/kein Weg/kein Fluss kommt, längere Erkundungsgänge machen. So habe ich den Weg wiedergefunden. Es war anstrengend und ich war ängstlich, aber es hat funktioniert. Merci, Sir Rüdiger!

Das ist doch mal konkret nützliche Literatur! Wie ein Kochbuch, aber unterhaltsamer.

Ich bin also voreingenommen. Ich mag den Nehberg. Und ich mag das Buch.

Auf mich wirkt er in seinen Büchern uneitel und bescheiden. Er kann über sich lachen, und das mag ich. Und dass er sich erfolgreich für brasilianische Minderheiten und für die religiöse Ächtung der Frauenbeschneidung eingesetzt hat, bringt ihn auf eine sichere Position in meiner persönlichen Liste der Good Germans.

Es gibt auch andere Meinungen. Ein intelligenter, gebildeter Herr hat mir gesagt, er lehne den Nehberg ab, der schmücke sich mit fremden Federn. – Kann sein. – Weiß ich nicht. – Ist nicht mein Eindruck. Ich habe mir noch Nehbergs Survival-Handbuch bestellt. Werde berichten…

Zum Buch!

In Mit dem Baum über den Atlantik berichtet der Survival-Experte und Menschenrechtsaktivist Rüdiger Nehberg von drei Abenteuern:

„The Tree“ erzählt von Nehbergs Solo-Reise über den Atlantik mit einem Baum als Gefährt, der entsprechend gepimpt war: mit Bambusauslegern, einem Ruder, Funkgedöns, einer Überlebenshütte usw. Ziel war, mit dem Baum auf einem Tieflader vor dem Palast des Präsidenten in Brasília aufzutauchen und vor einem Presseheer auf die schwierige Situation der eingeborenen Indiovölker aufmerksam zu machen, und zwar im Jahr 2000, zum 500. Geburtstag Brasiliens. (Langer Satz, gell!)

„Human Race“ war eine Survival-Wanderung von 600 km durch das australische Outback im Jahr 1996.

Und „Gefangen in Jordanien“ ist eine launige Geschichte über mehrere Wochen Gefangenschaft in verschiedenen Wüsten-Gefängnissen. Eher eine Geschichte über fremdländische Bürokratie als eine Geschichte über einen qualvolle Monsterknast, wie man vielleicht erwarten könnte.

2 Stellen, die ich angestrichen habe:

  • Der Leitsatz der Kampfschwimmer: Lerne leiden, ohne zu klagen (S. 21)

  • „[…] wir, die sogenannten Christen mit dem Krone-der-Schöpfung-Denken“ (S. 145)

 

Notiz an mich selbst:

2 Literaturtipps aus dem Buch:

  • Matthias Faermann, Autor 3er Survivalbücher, KnowHow-Verlag.

  • Rüdiger Nehberg. Die Kunst zu überleben

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