Das Wintermärchen

Heinrich Heine. Deutschland. Ein Wintermärchen. Stuttgart:Reclam, 1987.

Ich habe zwei Bücherkisten aussortiert, die ich vermutlich um das Jahr 2000 eingelagert habe. Kann aber auch 1996 nach Abschluss meines Studiums gewesen sein. Bücher also, die ich vor mindestens 25 Jahren weggepackt habe. Nach dem Sortieren gab es einen Stapel für das Altpapier, einen Stapel „zum Mitnehmen“ für den Gehweg, viel für das Tauschregal in der Unibibliothek, aber auch ein paar Bücher, von denen ich mich immer noch nicht trennen möchte.

Das erste Buch, das ich wieder gelesen habe, ist nur ein kleines Heft: Eine kommentierte Reclam-Ausgabe von Heinrich Heines Deutschland. Ein Wintermärchen. Innen steht, dass ich den Text in der Klasse 13.1 gelesen habe. Das muss 1988 gewesen sein, vor 37 Jahren. (Herrje. Auf 30 Jahre war ich innerlich vorbereitet, aber 37…! Tja. Die Erkenntnis, dass ich mit jedem Tag näher an mein Grab heranrobbe, ist aktuell noch verkraftbar. Also weiter.)

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Das Wintermärchen also. Welch ein romantischer Titel! Man denkt an romantische Kutschfahrten durch verschneite Wälder und schneebedeckte Bergkuppen im Sonnenschein. Aber es kommt dann ganz anders in dem Heftchen. Tatsächlich nur ein Heftchen, nur 65 Reclam-Seiten. Und diese Kürze war für das Wintermärchen besonders gefährlich: Seit August 1819 gab es nämlich die „Karlsbader Beschlüsse“, die u. a. die Zensur regelten. (Die war nämlich keineswegs willkürlich, sondern ordentlich behördlich geregelt.) Eine dieser Regelungen, die Zwanzig-Bogen-Klausel besagte, dass sämtliche gedruckten Texte unter zwanzig Druckbögen (einer entspricht 16 Seiten) vor der Drucklegung der Zensur unterzogen werden mussten. – Warum das Ganze? Weil angenommen wurde, dass politische Inhalte in kurzen Texten verbreitet würden. Kurze Texte wie Flugblätter, Zeitschriftenartikel oder Essays. Längere Texte galten als unverdächtiger, wurden aber nach dem Druck kontrolliert. – Schriftsteller, die dennoch politisch wirken wollten, sorgten dafür, dass ihre politischen Aussagen für die Veröffentlichung in längere Werke eingebunden wurden. So umgingen sie die Vorzensur und konnten ihre Botschaften zunächst veröffentlichten, wurden aber oft nach der Drucklegung verboten.

Das Wintermärchen wurde 1844 von Hoffmann und Campe in Hamburg zusammen mit anderen Texten in einem Gedichtband herausgegeben. Das passt, denn das Wintermärchen ist ein gereimter Text, ein langes Gedicht, ein Versepos. So entging der Text der Zensur vor der Drucklegung. Den deutschen Zensoren fiel dann aber doch noch auf, dass Heinrich Heine, der 1831 von Metternichs Zensur aus Deutschland nach Paris vertrieben worden war, dass dieser kritische politische Dichter also Deutschland in dem Versepos bis auf 10 Stellen nach dem Komma durchkritisierte und verspottete, und zwar auf allen Ebenen: politisch, gesellschaftlich, religiös-kirchlich, was die Wissenschaften anging, die Bespitzelung und Überwachung der Menschen und so fort.

Und nachdem die Herren Zensoren den Text mitsamt seiner Kritikalität zur Kenntnis genommen hatten, sorgten sie dafür, dass er Anfang Oktober 1844 in Preußen beschlagnahmt und verboten wurde. Im Dezember folgte ein Haftbefehl gegen den exilierten Heine, der bis zu seinem Tod im Februar 1856 (in Paris) nicht aufgehoben wurde. Vollstreckt werden konnte dieser Haftbefehl nicht: Heine hatte seine Mutter im Herbst des Vorjahres in Hamburg besucht und auf der Rückreise das Wintermärchen entworfen. Als die Preußen ihren Haftbefehl zückten, war Heine längst wieder im sicheren Paris.

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Die Zensur. Nein, erst mal zu ihren Vätern, Hütern und Hirten: den Preußen. Die Preußen – existierten sie überhaupt als private Bürger? Soweit ich es überblicke, steht Preußen im heutigen Sprachgebrauch für den Obrigkeitsstaat, für Verwaltungsstrukturen, Beamtenschaft, Bürokratie, Akten, für Militär, Kadavergehorsam und uneingeschränkte Unterwerfung. Die angeblichen „Werte“ der Preußen, Disziplin, Pünktlichkeit, Ordnungssinn und Fleiß, werden den Deutschen heute noch nachgesagt. Ob das tatsächlich Werte sind, ließe sich diskutieren. Nationale Stereotype sind es allemal.

Das preußische Militär beschreibt Heine in Caput III, Reisestation: Aachen.

Noch immer das hölzern pedantische Volk,
Noch immer ein rechter Winkel
In jeder Bewegung, und im Gesicht
Der eingefrorene Dünkel.

Sie stelzen noch immer so steif herum,
So kerzengrade geschniegelt,
Als hätten sie verschluckt den Stock
Womit man sie einst geprügelt.

Wenn man es sich laut vorliest, wirkt es noch treffender und lustiger, herrlich gemein. Für Typen, die sich darüber definieren, maximal rechteckig, sauber, pünktlich und abgezirkelt zu existieren, mussten die Zeilen wie eine schallende Ohrfeige klingen. Und diese Ohrfeige teilt Heine 1844 aus. 1844 befinden wir uns nicht in Deutschland, sondern im Deutschen Bund. Der war 1815 qua Beschluss beim Wiener Kongress aus der Taufe gehoben worden. Der Deutsche Bund setzte sich aus 35 souveränen Fürstentümern und vier freien Städten unter der Führung Österreichs zusammen. Bis 1848 war der österreichische Außenminister und Staatskanzler Metternich (Clemens Wenceslaus Nepomuk Lothar, Graf von Sowieso und Trallala) der einflussreichste Politiker Mitteleuropas. Er war nicht das Staatsoberhaupt im Deutschen Bund. Denn es gab gar kein Staatsoberhaupt, auch keine Regierung oder Volksvertretung, und damit auch keine Staatsgewalt.

Trotzdem sollte der Deutsche Bund die preußische Monarchie aufrechterhalten, unterstützen, fördern, am Leben halten. Dafür wurden oppositionelle, demokratische oder freiheitliche Ansätze mit polizeilicher Unterstützung bekämpft und gesetzlich unterdrückt. “Bekämpfen” hört sich zunächst mal nicht sonderlich dramatisch an, aber wir reden über Zensur, Verhaftung und lange Haftstrafen, die bei den Haftbedingungen in der Mitte des 19. Jahrhunderts auch gerne einmal tödlich ausgehen konnten. Der Name „Metternich“, Graf von Gedöns und Trallala, und das „Metternich’sche System“ stehen bis heute für Nötigung und Repression der Bevölkerung und für Unterdrückung der Demokratie und der Meinungsfreiheit. Das waren die Mittel der Wahl, um die alte monarchische Fürstenherrschaft zu erhalten.

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Dass die von Metternich betriebene Restauration der alten politischen Verhältnisse auf sandigem Grund gebaut war, zeigte sich später im selben Jahr 1844, in dem wir uns mit Heine immer noch befinden: 1844 ist nämlich auch das Jahr, in dem die Weber in der preußischen Provinz Schlesien aus schierer Not und Verzweiflung – wir reden von einer Hungersnot! – revoltierten und damit der deutschen Regierung bildhaft vor Augen führte, welches Potenzial an Protest und Aufruhr in der Bevölkerung schlummerte. Aber zunächst schlug die Regierung den unorganisierten schlesischen Weberaufstand blutig nieder. So blutig, dass elf Arbeiter starben. In den Medien fand eine öffentliche Debatte über den Aufstand und seine Niederschlagung statt; die Verarmung und Verelendung großer Teile der Bevölkerung wurden öffentlich thematisiert. Und wenige Wochen nach dem Aufstand veröffentlichte Heinrich Heine das Gedicht über „Die schlesischen Weber“.

Zeitsprung: Vier Jahre später, 1848, folgt dann das Jahr, in dem Metternichs Unterdrückungssystem in der Märzrevolution zusammenbricht. Das zusammengebrochene System richtet sich aber schnell wieder auf: die Revolution wird militärisch niedergeschlagen, die Revolutionäre und ihre Gesinnungsgenossen werden, moderat formuliert, verfolgt und unterdrückt. Zehntausende liberal, republikanisch, demokratisch oder sozialistisch Gesonnene fliehen nach Frankreich, England, in die Schweiz, nach Übersee. Aber no worrys: Die demokratische Idee setzt sich durch. Schon 1949, nur einhundert Jahre und viele Millionen Menschenopfer später, erinnert sich Deutschland im Grundgesetz der BRD an die demokratischen Ideen der Revolution von 1848.

Es hätte also im Jahr 1844 in Deutschland einiges an ernsthafter und wichtiger Arbeit gegeben. Vielen Menschen mangelte es an dem Grundlegendsten: Essen, Kleidung, Bildung, medizinische Versorgung, Perspektiven. Leider macht es Arbeit und Mühe, wenn die Ameisen da unten neuerdings überleben wollen, vielleicht sogar noch mehr als überleben, vielleicht sogar mitreden. Weniger mühsam ist es hingegen, die Kritik zu unterdrücken und die öffentliche Kommunikation über das damalige Leitmedium, den gedruckten Text, zu zensieren.

Das Wintermärchen lässt uns im ersten Caput sehr genau nachfühlen, wie Heine seine Leser:innen zur Revolte aufruft: Sie sollen sich nicht mehr vom ewigen Versprechen auf den Himmel ruhigstellen lassen und nicht mehr ihre miserable Lebenssituation in einem Feudalsystem akzeptieren, in dem sie für den Wohlstand der oberen Stände schuften, selbst aber hungern. Sie würden im Himmel belohnt! Da würden sie dann schlemmen! Als Heine im Wintermärchen nach zwölf Jahren im Pariser Exil erstmals wieder die deutschen Grenze erreicht, hört er ein „kleines Harfenmädchen“ singen. Sie singt „das alte Entsagungslied, das Eyapopeya vom Himmel“ mit dem das Volk eingelullt wird:

Sie sang von Liebe und Liebesgram,
Aufopfrung und Wiederfinden
Dort oben, in jener besseren Welt,
Wo alle Leiden schwinden.

Sie sang vom irdischen Jammerthal,
Von Freuden, die bald zerronnen,
Vom Jenseits, wo die Seele schwelgt
Verklärt in ew’gen Wonnen.

‍Praktisch, wenn man als Adlige*r oder Kleriker selbst absolut nichts Nützliches herstellen kann, aber im System ganz oben steht, und die Ameisen da unten sich bis zum letzten Blutstropfen ausbeuten lassen, weil das herrschende religiöse System ihnen eine Remote-Belohnung verspricht! – Wie störend, wenn die Kulturschaffenden die Ameisen plötzlich zur Revolte aufrufen! Heine kündigt an, seiner Leserschaft ein „neues Lied, ein besseres Lied“ zu singen, ein Lied von einem guten Leben schon im Diesseits: „Wir wollen hier auf Erden schon das Himmelreich errichten“. Und er verkündet revolutionäre Ideen vom Teilen der vorhandenen Ressourcen zum Wohle aller:‍

Es wächst hienieden Brod genug
Für alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrthen, Schönheit und Lust,
Und Zuckererbsen nicht minder.

Ja, Zuckererbsen für Jedermann,
Sobald die Schooten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen.

‍Kein Wunder, dass der Text verboten wurde. Zu wenig Obrigkeits- und Gottesfurcht. Zu viel Liberté, Égalité, Fraternité. Zu viel Sozialismus.

‍Und Heine setzt noch einen drauf: Er entwirft das Bild von einem säkularen, freien Europa:

‍Die Jungfer Europa ist verlobt
Mit dem schönen Geniusse
Der Freiheit, sie liegen einander im Arm,
Sie schwelgen im ersten Kusse.‍ ‍

Und fehlt der Pfaffensegen dabei,
Die Ehe wird gültig nicht minder –
Es lebe Bräutigam und Braut,
Und ihre zukünftigen Kinder! ‍

Das Wintermärchen ist ein politischer Text, in dem Heine die kulturelle und politische Unterdrückung im Vormärz kritisiert und zu ihrer Überwindung aufruft.‍ ‍

Das Wintermärchen kann heutige Leserinnen und Leser dazu anregen, die politischen Verhältnisse seiner Zeit nachzuschlagen. Der Text ist aber auch ohne Nachschlagen verständlich. Heines Spott nutzt einen sehr spitzen Bleistift, mit dem er sehr elegant zupiekst. Und man bekommt eine ziemlich gute Ahnung davon, wen er gerade warum piekst.

‍ Dabei durfte er gar nicht so stark pieksen, wie es angesagt gewesen wäre: Im Vorwort erzählt Heine, dass er den Text vor der Veröffentlichung im Gedichtband auf Bitte seines Verlegers umarbeiten musste, entschärfen, mildern, dämpfen. Und vor dem Einzeldruck, so Heine, musste sein Verleger den überarbeiteten Text „den überwachenden Behörden“ überlassen, die weitere „Varianten und Ausmerzungen“ veranlasst hätten – und den Text dann am Ende trotzdem verboten. (S. 3)

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Ein letztes Wort zum Wintermärchen: Der Text ist politisch und lustig, vor allem wenn man ihn sich laut vorträgt. (Habe festgestellt: wenn sich selbst im Straßencafé ganz leise aus einem verknautschten Reclam-Bändchen vorliest und dabei vor sich hinkichert, wirkt das gar nicht mal so günstig...)

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Heinrich Heine – „ein interessanter Fall“

‍Für meinen früheren Komparatistik-Professor Hugo Dyserinck war Heine ein interessanter, ein exemplarischer Fall: Harry Heine, Ende des 18. Jahrhunderts in Düsseldorf geboren, deutscher Muttersprachler, ein deutscher Schriftsteller. In seinem Geburtsland mit Publikationsverboten belegt und als Jude diskriminiert, verlässt Heine Deutschland 1831 für immer. Ausnahmen sind zwei Deutschland-Reisen, eine davon 1843, als er seine Mutter in Hamburg besuchte und danach das Wintermärchen veröffentlichte. Paris ist seine neue Heimat. Heine lebt und arbeitet in Paris, beginnt, auf Französisch zu schreiben und für französische Leser zu veröffentlichen.

Ist Heine jetzt immer noch ein deutscher Schriftsteller? Er lebt und veröffentlicht nicht mehr in Deutschland, arbeitet nur noch teilweise in der deutschen Sprache, arbeitet nicht mehr für den deutschen Literaturmarkt, wo er zeitweise gar nicht mehr publizieren darf, sondern für den französischen Markt. Ist er jetzt nicht vielmehr ein französischer Autor?

‍Moment mal: Heine – ein Urgestein deutscher Literatur! Einer der wichtigsten deutschen Autoren des 19. Jahrhunderts! – Heine, ein französischer Autor? Zumindest zeitweise? Kann das sein? Darf das sein?‍ ‍

Wer oder was legt eigentlich fest, welcher Nationalliteratur ein Autor zuzuordnen ist?

‍Die Muttersprache? Die alleine kann es nicht sein: Dann wären österreichische oder Schweizer Autoren durch die deutsche Muttersprache auch deutsche Schriftsteller. Aber Max Frisch zum Beispiel ist ein Schweizer Schriftsteller, kein deutscher. Aha. Nationalliteratur und Muttersprache müssen also nicht deckungsgleich sein. Die Muttersprache allein ist nicht ausschlaggebend.

Die Nationalität? Dann wäre zum Beispiel Erich Maria Remarque, der 1938 von den Nazis aus dem Deutschen Reich zwangsausgebürgert wurde, ab 1947 ein US-amerikanischer Autor, denn er erwarb im August 47 die Staatsbürgerschaft der USA. Der amerikanische Literaturmarkt war jetzt der wichtigste Markt für seine Bücher; hier wurde er als Schriftsteller mit einer dezidierten politischen Nachricht anerkannt. Remarque hatte Deutschland 1933 verlassen und lebte zunächst in der Schweiz, dann in den USA. Er kam nur für kurze Reisen zurück in sein Geburtsland. Remarque erhielt seine deutsche Staatsbürgerschaft übrigens nie zurück. Bis zu seinem Tod 1970 hat die BRD am Nazi-Unrecht festgehalten. Er war der BRD nicht gut genug für den deutschen Pass. Aber als Schriftsteller ist er uns gut genug, dass wir ihn als „deutschen Schriftsteller“ etikettieren dürfen? Das steht, meine ich, Deutschland nicht mehr zu. Deutschland hat ihn bedroht, verfolgt, rausgeschmissen und nie mehr eingeladen. Deutschland ist raus.

‍Die Sprache, der Pass, die Nationalität sind also auch keine alleingültigen Kriterien, um die Nationalliteratur von Autor*innen zu definieren.

‍Ist es das literarische Thema? Heine hat immer wieder die politischen Zustände in Deutschland thematisiert. Und Remarque nutzte die Geschichte Deutschlands als Blaupause, um generelle menschliche Fragestellungen zu diskutieren. Beide Autoren also mit deutschen Themen. Nun ist der Holocaust aber leider auch ein deutsches Thema, das weltweit von vielen Schriftsteller*innen literarisch verarbeitet wird. Es gibt einige Schriftsteller*innen, in deren Werk der Holocaust das Hauptthema ist. Das macht sie nicht zu deutschen Schriftsteller*innen. Somit kann auch das deutsche Thema allein Heine oder Remarque nicht zu deutschen Schriftstellern machen.

Nehmen wir mal an, Heine muss zeitweise als französischer Schriftsteller betrachtet werden. Dann wäre das Signum „deutsche*r Schriftsteller*in“ (genauso: englische*r, rumänische*r, belgische*r…) veränderlich. Dann kann ein- und derselbe Mensch in den ersten 35 Lebensjahren ein deutscher Schriftsteller und in den letzten 25 Lebensjahren ein französischer sein.

‍Ich habe mit einigen Menschen darüber gesprochen, auch mit mehreren Literaturwissenschaftler*innen. Und die meisten haben mich verwundert angeschaut und mir gesagt, es sei doch klar, dass Heine ein deutscher Schriftsteller sei. Und zwar immer. Er sei ja Deutscher. Womit ich wieder bei dem Punkt bin, dass die Nationalität allein nicht ausschlaggebend zu sein scheint.

Der Mundgeruch von etwas ganz Fiesem weht mich an: Heine war zwar als Jude verachtet, als politischer Schriftsteller verfemt, als Exilant verhasst, als deutscher Mitbürger nicht erwünscht, aber er ist als Kind deutscher Eltern in Deutschland geboren, und er ist und bleibt damit in der öffentlichen Wahrnehmung ein deutscher Schriftsteller, ein Gegenstand der Germanistik. Das riecht nach Blut. Deutsches Blut, deutscher Schriftsteller, Eigentum der deutschen Kultur. – Die Nazis übrigens wollten Heine aus dem kulturellen Gedächtnis Deutschlands ausradieren. Und die Nazis waren ja, so weit ich weiß, auch Deutsche.

(Auch wenn gerne so geredet wird, als seien zwei, drei Dutzend Nazis mit Hitler an der Spitze vom Mars gekommen und hätten die armen, aufrechten Deutschen ins Unheil gestürzt. Nein, die Nazis waren übermächtig viele und sie kamen aus der Mitte der deutschen Gesellschaft. Deutschland hat den NS erfunden, industrialisiert und perfektioniert, bis Millionen von Menschen vernichtet, verbrannt, vergessen waren. Darunter auch Deutsche, die Widerstand leisteten, die denunziert worden waren, die nicht ordentlich mitmachten im NS-Reigen usw.)

Sowohl im 19. als auch im 20. Jahrhundert versuchten führende deutsche Schichten Heine so oder so zu liquidieren, aber wir bestehen darauf, dass er ein deutscher Schriftsteller ist? Weil wir heute Zensur und Nazitum überwunden zu haben glauben? Weil wir the good Germans sind und Heine einer von uns?‍ ‍

Das kommt mir unsauber vor. Ob Person X ein deutscher, französischer, britischer etc. Schriftsteller ist, kann nicht von der Perspektive der späteren Betrachter*innen alleine abhängen. Meine ich zumindest. Vielleicht irre ich mich…

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Heine und Born?

Noch eine Bemerkung zu Heine und den armen Webern: Mein Vater meint, dass er irgendwann irgendwo in einem Text darüber gestolpert ist, dass Heinrich Heine mit Stephan Born, einem der Gründerväter der Allgemeinen Deutschen Arbeiterverbrüderung, in Briefkontakt gestanden habe. (Die Arbeiterverbrüderung gilt als Startpunkt der Arbeiterbewegung und der Gewerkschaften, entsprungen aus der Keimzelle des Drucker- und Setzerhandwerks.) Das könnte vielleicht eine interessante Forschungsfrage sein: Ist eine Korrespondenz zwischen Heine und Born dokumentiert? Sind Einflüsse nachweisbar? Wurden Heines Schlesische Weber von Born und der Arbeiterverbrüderung inspiriert? Ich habe keinen Überblick über die Heine- und die Born-Forschung (falls letztere überhaupt existiert) und habe nicht den geringsten Schimmer, ob etwas daran ist. Und da ich aktuell noch meine Bücherkiste durchstöbere, habe ich leider auch keine Zeit für Recherchen.‍ ‍

Obwohl… Düsseldorf und die Heinrich-Heine-Universität sind nicht weit… da müsste es eine beeindruckende Bibliothek zu Heine geben…

In Düsseldorf wurde übrigens über 22 Jahre um den Namen der Universität gerungen, bevor der Zuschlag Ende 1988 an Heinrich Heine ging und die Uni zur HHU wurde, zur Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Bei diesem Streit ging es, natürlich, auch um Politik und Bürokratie… ‍ ‍

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Leben und Überleben