Die Möhnekatastrophe

Titus Müller. Nachtauge. Roman. München: Blessing, 2013.


Wie im Zweiten Weltkrieg die Möhne-Staumauer gesprengt wurde

Der 16. Mai 1943 war ein Sonntag. In der Nacht auf Montag griff die Royal Air Force die Staumauern von sechs deutschen Talsperren mit genau dafür entwickelten Bomben an. Die Deutschen schützten ihre Staumauern mit Torpedoschutznetzen vor Bombenangriffen. Also entwickelten die Briten Rollbomben, die diese Netze überwinden konnten.

Den britischen Piloten gelang es, die Staumauern des Edersees und des Möhnesees zu zerstören. Aus den beiden Talsperren wälzten sich Millionen Kubikmeter Wasser in gewaltigen Flutwellen in das Ruhrtal und das Edertal und zerstörten und überfluteten alles, was sich ihnen entgegenstellte: Wohnhäuser, Fabriken, Straßen, Brücken, Bergwerke, Bahnhöfe, Eisenbahnlinien und Kraftwerke. Das Kloster Himmelpforten am Ufer der Möhne wurde von den Wassermassen fortgerissen und vollständig zerstört. Nur der Altarstein steht noch an der Gedenkstätte bei Niederense.

Der bis heute erhaltene Altarstein

Das Vieh ertrank jämmerlich. Die Menschen ebenso. Das Städtchen Neheim wurde besonders hart getroffen: Direkt am Möhnesee gelegen, bot nur Höhe den Menschen Schutz vor den Fluten. Aber in der Nacht hatte es in Neheim Luftalarm gegeben, und viele Menschen suchten Schutz in den Kellern, wo sie ertranken. Allein in Neheim sind in dieser Nacht fast 1.300 Menschen gestorben, davon mehr als 700 ukrainische Zwangsarbeiterinnen, die im Arbeitslager eingepfercht in der Todesfalle saßen.

Das Mahnmal bei Niederense am Möhnesee, wo die Wasserfluten das Kloster Himmelpforten vollständig zerstörten.

Die Briten wollten mit der Zerstörung der Talsperren die Energie- und die Wasserversorgung im Ruhrgebiet unterbrechen, die Versorgung vor allem der Rüstungsindustrie, aber auch der Zivilbevölkerung. Kein Waffennachschub an den Fronten, dazu Millionen Deutsche ohne Trinkwasser, das hätte den Krieg sicher verändert, vielleicht sogar deutlich verkürzt.

Spektakulär war der Angriff der Royal Air Force ganz sicher. Noch heute rühmt sich die 617. Staffel der Royal Air Force als „Dambusters“ und trägt das Bild einer zerstörten Staumauer im Staffelwappen, dazu das Motto „Après moi, le déluge“ (Nach mir die Sintflut).

Die Folgen

Aber hat der Angriff den Krieg auch nur um wenige Tage verkürzt? Schwer zu sagen, aber wahrscheinlich nicht: Die Rüstungsproduktion in Bochum, Dortmund und Hagen stand nur einige Tage lang still. Das Loch in der Möhne-Staumauer wurde repariert und schon im September 1943 wurde der See wieder aufgestaut. Und auch die Edertalsperre war noch im gleichen Jahr wiederhergestellt.

Hart getroffen hat es – wie so oft – die Zivilbevölkerung: Sie musste mit unbewohnbaren Häusern und zerstörter Infrastruktur klarkommen. Vor allem die Trinkwasserversorgung war noch monatelang eingeschränkt, und wegen der zerstörten Kläranlagen flossen giftige Industrieabwässer direkt in die Flüsse. Und so viele waren gestorben: Männer, Frauen, Alte, Kinder. – Das prallt geschmeidig an uns ab, oder? Aber stell dir vor, es ist dein Vater, deine Mutter, deine Tochter oder dein Sohn, die jämmerlich ertrunken sind, und denen du nicht helfen konntest…

Die Zahl der Todesopfer dieser Angriffe ist bis heute unbekannt, die Rede ist von über 1.600 Menschen, die ihr Leben verloren, die große Mehrzahl NATÜRLICH Zivilistinnen und Zivilisten. Die Inschrift auf dem Denkmal vor der Pfarrkirche von Neheim betrauert 1.285 Frauen, Männer und Kinder aus Neheim, die in den Fluten starben. 181 Neheimer*innen und 721 Gefangene wurden auf dem Neheimer Friedhof begraben.

Ein Roman über die Möhnekatastrophe

Als ich mit meinem Vater im Sommer um den Möhnesee geradelt bin, hat er mir davon erzählt und ich habe ein bisschen dazu recherchiert. Und in mehreren Quellen fand ich wertschätzende Verweise auf das Buch Nachtauge von Titus Müller. Der schreibt vorwiegend historische Romane und hat eine Literaturzeitschrift und einen Autorenkreis für historische Romane gegründet. Hörte sich gut an.

Titus Müller. Nachtauge. Roman. München: Blessing, 2013.

Also habe ich das Buch bestellt. Zunächst hat es mein Vater gelesen, der dem Text als Ortskundiger und (damals zugegeben sehr junger) Zeitzeuge eine beeindruckende Recherche attestiert hat. Er hat nur Kleinigkeiten gefunden, die nicht ganz passen. Zum Beispiel konnte Blockwart Wiese die Glocken der Kirche St. Michael 1943 nicht hören („Leise schloss er die Wohnungstür hinter sich. Die Glocke der Michaelskirche schlug.“ S. 225): Die Kirche wurde erst 1950/1951 erbaut. Aber, nochmal: Das Buch ist anscheinend so gut recherchiert, wie man es von einem Spezialisten für historische Romane erwarten darf, also sehr gut.

Nachtauge ist ein spannender Agenten-Krimi vor dem Hintergrund einer historischen Krisensituation, der sogenannten Möhnekatastrophe, von der die Meisten nie etwas gehört haben werden. Das Buch greift auch die Situation der Zwangsarbeiterinnen auf, die aus ihren Ländern entführt und in Deutschland oft unter grässlichen Umständen malochen mussten.

Ich stelle mir Herrn Müllers Arbeitsweise so vor, dass er den zeitgeschichtlichen Hintergrund aus verschiedenen Blickwinkeln sehr gründlich recherchiert und dann eine unterhaltsame Agenten- und Liebesgeschichte hineingewebt hat. Und das ist ihm hier meiner Meinung nach prima gelungen.

Eine Liebesgeschichte

Die Liebesgeschichte zwischen einer Zwangsarbeiterin, die in einer Munitionsfabrik schuftet, und dem Lagerleiter, der eigentlich Lehrer ist, ist vielleicht ein kleines bisschen sehr glatt konstruiert. Sie heißt Nadjeschka und ist das perfekte Gegenbild zu dem von den Nazis in der Ukraine verorteten „Untermenschen“, schön, gebildet und feinsinnig, spricht sogar Deutsch. Auf mich wirkt sie nicht wie ein reales Wesen mit den üblichen Gegensätzen und Zerrissenheiten, sondern einfach ideal. Das ist ein ganz kleines bisschen langweilig. Da wäre auf 459 Seiten schon etwas mehr drin gewesen, meine ich.

Ein spannender Agentenroman

Okay, Vielleicht ist ihr Charakter ein bisschen sehr idealtypisch. Aber ich habe das Buch wirklich gerne gelesen. Besonders die böse deutsche Agentin macht Spaß. Sie hat mich an Ken Folletts Die Nadel erinnert, wo ein superböser deutscher Agent in England mit einem Boot vor einer kleinen Insel mit 3 Bewohnern kentert, dort enttarnt wird usw. usf.

Folletts Spion und Nachtauge sind beide herrlich fies und haben schlaue Agententricks drauf, auf die man selbst nicht käme. Ich jedenfalls nicht. Und es macht Spaß, ihre Geschichten zu lesen. Da ist mir die Nadjeschka, die mich nicht hundertprozentig überzeugt, grad wurscht.

Notiz an mich selbst:
Die Nadel habe ich nur auf Deutsch und in einer gekürzten Fassung gelesen, in einer Ausgabe der Reader’s Digest Auswahlbücher aus den späten 70ern. Ich muss mir gelegentlich das Original Eye of the Needle besorgen...

Nachtauges Motivation, die Briten zu hassen, ist mir ein bisschen zu mager ausgestaltet. Als Deutsche ist sie aus Gründen rüber nach England. Dort lebt der Bruder ihres Vaters. Onkel und Tante nehmen sie zwar auf, zeigen ihr aber täglich ihren Unwillen. Und auch Land und Leute heißen sie nicht mit offenen Armen willkommen. Das Wetter ist auch doof. Die Ärmste. – Als Leserin bin ich nicht vollkommen überzeugt. Keine echte Person. Keine echte Not. Kein echter Hass.

Aber das sind Feinheiten, die von vielen positiven Effekten des Buches locker ausgeglichen werden: von dem interessanten zeitgeschichtlichen Hintergrund, von den gut recherchierten Szenen in Neheim und London, von der spannenden Story.



So geht’s weiter: Als das Wasser sinkt, taucht doch noch etwas vom Kloster Himmelpforten wieder auf, allerdings weit entfernt. Und das führt uns im Januar in die Zeche Zollverein nach Essen…